Willkommen in der Wirklichkeit, lieber Herr Münchau

Wolfgang Münchau, Kolumnist bei Spiegel-Online und in der Financial Times, brauchte ein neues Buch, um zu erkennen, was seit langem für jeden offensichtlich ist, der keine neoklassischen Scheuklappen trägt. Das Buch („House of Debt“ von Atif Milan und Amir Sufi von den Universitäten Princeton und Chicago) handelt von der amerikanischen Hauspreiskrise und ihren Folgen und beschreibt, so einige Besprechungen, die ich angesehen habe, dass es vor allem die Überschuldung der privaten Haushalte war, die eine rasche Belebung der Wirtschaft nach dem Ende der Finanzkrise verhinderte. Weit weniger wichtig war, wie in Europa oft behauptet, ein Versagen des Bankensystems, eine Kreditklemme oder eine zu wenig expansive Geldpolitik. Wolfgang Münchau verweist in dem Zusammenhang zu Recht auch auf Richard Koo (mit dem zusammen ich das Buch „Handelt jetzt“ gemacht habe). Richard Koo machte schon vor langer Zeit klar, dass in Zeiten, in denen die privaten Haushalte versuchen, mehr zu sparen, die Unternehmen versuchen, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen, in dem sie weniger Schulden aufnehmen, sich nicht auch noch der Staat in Sparversuchen ergehen kann, ohne die Gesamtwirtschaft schwer zu schädigen.

Wer flassbeck-economics liest, kennt all diese Argumente und er weiß zudem, dass es nicht nur der Versuch der Unternehmen ist, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen (das war für eine kurze Zeit nach der Krise sicher der Fall), sondern dass es insbesondere nach der Finanzkrise die schiere Macht der Unternehmen ist, die angesichts der neuen Dimension der Arbeitslosigkeit die Verteilungssituation zu ihren Gunsten direkt bestimmen können (wir haben das hier zum ersten Mal aufgegriffen). Dass sich dann die Staaten, die unfähig sind, die Unternehmen in die Schranken zu weisen, auch selbst noch wie Münchhausen aus dem Sumpf ziehen wollen, indem sie verzweifelt versuchen, Schulden zu reduzieren, wird als eines der größten ökonomischen Missverständnisse in die Geschichte eingehen. Und dass die viertgrößte Industrienation der Erde versuchte, das Verschuldungsproblem dadurch zu lösen, dass sie immer größere Leistungsbilanzüberschüsse auftürmte, also die für ihr Sparen notwendige Verschuldung auf andere Länder verschob, wird als größte Dummheit eines einzelnen Staates gebrandmarkt werden.

Wolfgang Münchau kommt in seinem Artikel zu dem Schluss: „Wenn sich diese Ergebnisse (die von Milan und Sufi, HF) auch bei uns bestätigen sollten, dann hieße das: Wir machen in Europa so ziemlich alles falsch.“ Herzlichen Glückwunsch, Herr Münchau, Sie haben verstanden!

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