Was jetzt verloren ist

Menschen wie ich, die die Hoffnung auf ein wenig mehr Vernunft nicht so schnell aufgeben wollen, hatten es für möglich, wenngleich nicht für sehr wahrscheinlich gehalten, dass es in letzter Minute doch noch einen für Griechenland erträglichen Kompromiss geben wird.

Danach sieht es jetzt nicht mehr aus. „Sie wollen eine bedingungslose Kapitulation“, schreibt eine Athener Zeitung heute, und das trifft den Nagel auf den Kopf. Die Gläubiger und vorneweg wieder Deutschland wollen Griechenland endgültig in die Knie zwingen, eine neue willfährige Regierung einsetzen oder den Austritt des Landes aus der Europäischen Währungsunion mit der Gewalt der Europäischen Zentralbank durchsetzen.

Europa als eine Idee zur Einigung der Völker mit Vernunft und Herz wird schon eine Weile zu Grabe getragen, am Sonntag wird es vermutlich beerdigt. Die Europäische Währungsunion, von Anfang an mit schweren Geburtsfehlern behaftet und seit Jahren vor sich hinsiechend, wird auf die Intensivstation verlegt, ohne Hoffnung, dass sie diese jemals wieder verlassen wird.

Vorläufig gesiegt hat eine primitive Doktrin, nach der nur das Land in Europa erfolgreich ist, das sich im Wettkampf der Nationen bewährt und unabhängig von seiner Ausgangslage bereit ist, den Gürtel auf Befehl aus Brüssel enger zu schnallen. Dass diese Doktrin unsinnig ist und Europa mindestens ein verlorenes Jahrzehnt bescheren wird, habe ich oft gesagt (zuletzt hier) und muss ich nicht wiederholen.

Dass die gestrige Entscheidung in einer Welt, in der ohnehin vieles im Rutschen ist, die Fragilität dramatisch erhöht und das Potenzial zu einem wirklichen Dammbruch hat, muss man eigentlich auch nicht mehr extra betonen. Man stelle sich vor, Griechenland gerät in ein wirtschaftliches Chaos, wird unregierbar oder in eine Militärdiktatur zurückverwandelt, dann möchte ich wissen, wo die politischen Führungsfiguren zu finden sind, die Europa vor einem erneuten tiefen Absturz bewahren können.

Nein, so geht es nicht. Wird Griechenland hinausgedrängt, weiß jedes Kind, dass Europa kein unumkehrbarer Prozess mehr ist, sondern ein Zweckbündnis derjenigen, die ihre politische Macht für die Durchsetzung einer unsinnigen Doktrin missbrauchen. Die Vertreter von SYRIZA mögen die anderen Ideen, die es auf dieser Welt gibt, schlecht vorgetragen haben und unprofessionell vorgegangen sein. Das ist aber ihrer Naivität geschuldet, die daher kommt, dass sie zu jung und zu unerfahren in der Politik waren, um sich vorstellen zu können, dass dieses Europa selbst dann nicht bereit ist, seine Doktrin auch nur zu diskutieren, wenn man das Mandat eines ganzen Volkes hat, genau das zu fordern.

Nun ist die Maske endgültig gefallen, selbst Politiker, die sich Sozialisten oder Sozialdemokraten nennen, haben die Doktrin unterschrieben und sich bereit erklärt, sie unter allen Umständen zu verteidigen. Damit sind die parlamentarischen Möglichkeiten, sich gegen diese Doktrin zur Wehr zu setzen, ganz nahe Null geschrumpft. Die Vernünftigen und Klugen in Europa müssen sehr ernsthaft darüber nachdenken, welche Möglichkeiten es noch gibt, dem drohenden Tod Europas und dem Auferstehen eines neuen und gefährlichen Nationalismus noch etwas entgegenzusetzen.

 

 

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