Was haben Sklavenarbeit in Bangladesch, Pferdefleischskandal und Ökostrom gemeinsam?

Nein, diese Überschrift ist keine Scherzfrage. Es gibt darauf eine ernst zu nehmende und ernsthaft zu hinterfragende Antwort. Auf allen drei angesprochenen Feldern wird nämlich an die Moral der Verbraucher appelliert. Die Verbraucher im Westen, so jüngst die Chefin des Menschenrechtsausschusses im Europaparlament, die Grünen-Politikerin Barbara Lochbihler, in einem Interview, seien indirekte Täter, wenn sie unter Sklavenarbeit produzierte Kleidung aus Bangladesch kauften. Verbraucher, so häufig der Tenor von Kommentaren zu Lebensmittelskandalen, dürften sich über die minderwertigen Zutaten etwa in einer Fertig-Lasagne aus dem Tiefkühlregal nicht wundern, wenn dieses Gericht nur ein paar Euro koste. Und last but not least werben Ökostromanbieter damit, dass der Verbraucher mit dem im Vergleich zur Konkurrenz höheren Preis für ihren Strom auch ein Stück gutes Umweltgewissen einkaufe.

Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, oder? Nun, von Verbrauchern mit gut gefülltem Portemonnaie ist ein entsprechend verantwortungsbewusstes Kaufverhalten nicht übermäßig viel verlangt, wer wollte das bestreiten? Wer wollte aber behaupten, dass es von den vielen, die dank miserabler Bezahlung ihrer Arbeit oder dank Hartz IV jeden Cent umdrehen müssen, damit es zum Leben für sich selbst und die Familie reicht, nicht doch eine gehörige Portion Extra-Moral erfordert, an die Folgen ihres Konsumverhaltens für Dritte zu denken? Nun gut, werden die an die Verantwortung der Verbraucher Appellierenden vielleicht sagen, nehmen wir diese Gruppe mal aus; verhalten sich alle übrigen verantwortungsbewusster, müsste das die Zustände deutlich verändern helfen.

Trotzdem scheint mir dieser Standpunkt recht merkwürdig zu sein. Zunächst einmal passt sich jeder einzelne in einer Marktwirtschaft an seine Budgetrestriktion an, und zwar nicht nur jeder Verbraucher, auch jeder Arbeitnehmer und jeder Unternehmer. Wie viel Moral er sich dabei leistet zum eigenen Nutzen und/oder zum Wohle Dritter, bleibt zunächst einmal ihm überlassen. Warum aber wird die Moral hauptsächlich beim letzten Glied in der Kette, dem Verbraucher, angemahnt und viel weniger bei den Gliedern davor, dort nämlich, wo das Einkommen entsteht? Hat das damit zu tun, dass viele Wortführer, die nicht selten selbst aus der Fraktion der relativ gut Betuchten stammen, das Thema „Unter welchen Bedingungen entstehen Markteinkommen?“ lieber nicht anpacken, weil es dann um die Höhe des eigenen Budgets ginge und nicht um die Frage, wofür es ausgeben werden sollte und wofür nicht?

Um es konkreter zu bebildern: Der eine kauft Biobaumwollprodukte und fair gehandelten Kaffee, der andere arbeitet bewusst nicht in einem großen Rüstungsbetrieb, obwohl er dort wesentlich mehr verdienen könnte als bei seinem mittelständischen Arbeitgeber. Der nächste weigert sich, auf eine lukrative Stelle im Derivatehandel seiner Bank zu wechseln, weil dort auch Spekulationsgeschäfte im Bereich Lebensmittelrohstoffe abgewickelt werden. Und der aus Steuergeldern bezahlte W3-Professor für Pharmakologie lehnt ein Drittmittelprojekt der Pharmaindustrie, das sein Einkommen und die Zahl seiner Assistentenstellen beträchtlich aufbessern würde, ab, weil er die Unabhängigkeit seiner Forschungstätigkeit gefährdet sieht.

Nicht zu vergessen der Zulieferbetrieb in der Autoindustrie, der aufhört, seinen Betriebsrat mit dem Argument unter Druck zu setzen, dass er nun mal wegen der Preisdrückerei durch den übermächtigen Abnehmer nicht anders könne, als die Öffnungsklausel des Tarifvertrags wahrzunehmen und seinen Beschäftigten die ausgehandelte Lohnsteigerung doch nicht zu zahlen. Der sich stattdessen mit anderen Zulieferern zusammenschließt und dem Abnehmer die Preisdrückerei austreibt mit dem Hinweis, seine Beschäftigten seien keine Püppchen auf dem Spielbrett von Großkonzernen.

Eine schöne Welt wäre das voller freiwillig eingehaltener Normen. Klingt bis auf das erste Beispiel mit Biobaumwolle und Fairtrade-Kaffee nur leider nicht sehr realistisch, fürchte ich.

Und zwar deshalb nicht sehr realistisch, weil die Appelle an die Verbraucher auch Ergebnis einer krassen Doppelmoral sind. Beim Geldausgeben, da möchte mancher Politiker und Leitartikler den Leuten gern moralisch auf die Finger sehen, aber beim Geldverdienen, da schauen wir lieber nicht so genau hin. Ganz im Gegenteil: Da machen viele hervorragend bezahlte Menschen den Ärmsten in dieser Gesellschaft weis, ihre Arbeit sei pro Stunde keinesfalls 8,50 Euro wert. Und dem Diktat der Märkte, so heißt es weiter, unterliege nun mal jedes Unternehmen, weshalb der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung dem Wohle seiner Beschäftigten diene.

Nein, wenn es irgendwie gerecht zugehen soll (was etwas ganz anderes ist als der moralisch erhobene Zeigefinger), dann müssen wir im demokratischen Prozess allgemein verbindliche Normen durch unsere Ordnungspolitik zu Hause und in internationalen Absprachen aufstellen, die diese Moral klipp und klar für jedermann widerspiegeln und von jedem einfordern. Dann gibt es eben keinen Billigstrom aus Kohlekraftwerken, keine Billig-Eier aus fälschlicherweise mit Freilandhaltung etikettierten Legebatterien, keine 2-Euro-T-Shirts, aber auch keine Aufstockerlöhne, keine „aktivierenden“ Hartz-IV-Sätze und keine Minirenten. Dazu müssen wir aber auch unseren Staat mit Steuergeldern der Besser- und der Spitzenverdiener so gut ausrüsten, dass er die Einhaltung dieser Normen konsequent durchsetzen kann.

Und wer glaubt, anderen Ländern nicht durch Handelsbedingungen vorschreiben zu können, wie sie ihre Sozialstandards zu entwickeln haben, der kann ja mal die Kapitalverkehrsfreiheit und spiegelbildlich dazu den Freihandel hinterfragen, die hiesigen Unternehmen direkt und indirekt erlauben, die Menschen in Billiglohnländern auszubeuten.

Wenn wir das alles tun, dann erübrigen sich auch die Appelle an das Gewissen von Lieschen Müller und Hänschen Schmidt, damit solche tödlichen Skandale wie in Bangladesch verhindert werden.

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