Unsere Medien: Jederzeit offen und ausgewogen

25. September 2013 l l Allgemeine Politik

Einer unserer Leser schreibt über die Sendung von Maybrit Illner vom vergangenen Donnerstag unter dem Titel:

Roland Tichy: „Viele Ausländer würden sich gerne in Deutschland ausbeuten lassen.“

„Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung) blamierte sich, als sie ein Argument aus der Financial Times vorbrachte  (deutsche Exportabhängigkeit und -stärke aufgrund Lohndumpings)  und dem völlig unterirdischen Gegenargument von Tichy („Viele Ausländer würden sich gerne in Deutschland ausbeuten lassen.“) nichts anderes erwidern konnte als: „Dieser Meinung bin ich auch.“ Maybrit Illner fügte noch ein „Deutschland geht es gut“ hinzu. Im Beisein der deutschen Medienelite wird hier uneingeschränkt eine pervertierte Form des Wettbewerbs der Nationen ohne Einspruch als gegeben hingenommen, obwohl jedem Verfechter der sozialen Marktwirtschaft und des Wettbewerbs bei solchen Äußerungen das Grausen kommen müsste. Der Aufschrei bleibt aus, obwohl längst klar ist, dass diese Entwicklung ins Verderben führt. Diese Sendung war in einem Ausmaß ekelerregend, dass man sie nicht vergessen sollte.“

Ich kann nur empfehlen, sich die von unserem Leser angesprochene kurze Sequenz einmal anzuschauen (ab Minute 37:00, den Rest kann man sich sparen). Ist es wirklich möglich, dass Frau Augstein nach drei Jahren Eurokrise in der vergangenen Woche aus der Financial Times zum ersten Mal davon hört, dass Deutschlands Exportstärke ein Problem sein könnte? Denn da sie dem dümmsten aller Gegenargumente von einem der größten Ideologen in der deutschen Presse (Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche: „Woanders gibt es noch ärmere Menschen als bei uns.“) nichts entgegen zu setzen hat, muss man ja wohl davon ausgehen, dass sie sich bislang mit der in der Financial Times dargelegten Sichtweise der Dinge nicht beschäftigt hat, sonst hätte ihr mehr Gegenwehr einfallen müssen. Schließlich hätte sie den fraglichen Kommentar aus der Financial Times ja überhaupt nicht zu zitieren brauchen.

Mit anderen Worten: Entweder ist die deutsche Presselandschaft tatsächlich so einseitig, wie uns das seit langem vorkommt, und unter einer Art nationaler Käseglocke gefangen, so dass Frau Augstein und mit ihr Tausenden von Lesern einer der zentralen Diskussionspunkte auf dem internationalen Parkett der Wirtschaftspolitik entgangen ist. Oder, wenn die Journalistin diese Überlegungen bereits länger kennt, verschweigt sie sie tatkräftig mit und trägt so zur Manipulation der öffentlichen Meinung in Deutschland bei. Die dritte Möglichkeit: Frau Augstein kennt das Argument schon seit Längerem und begreift seine Brisanz nicht, so dass sie es bislang nicht für nötig erachtet hat, ihre Leser darüber näher zu informieren oder sich gar damit auseinander zu setzen. Eine Variante zur Erklärung des Vorgangs ist schlimmer als die andere.

Dazu passt, dass bei meiner Diskussion im Deutschen Theater in Berlin am Samstag Abend mit Andres Veiel, dem Autor des sehr guten und sehenswerten Stücks „Das Himbeerreich“, bei der geringsten Kritik an der Presse die Pressevertreter sofort auf die Barrikaden gingen und auf ihre „Ausgewogenheit“ pochten. Ich glaube, viele merken schon gar nicht mehr, dass in den deutschen Talkshows, die seit Ausbruch der Eurokrise in der Größenordnung von sicher hundert Stunden Smalltalk zum Thema gesendet haben, nicht ein einziges Mal die fünfzehn Minuten zur Verfügung standen, die man braucht, um eine logische Argumentation zu den Ursachen der Krise aufzubauen. Sie merken vermutlich auch nicht mehr, dass sie monatelang Griechen-Bashing betrieben haben und in 98 Prozent aller Sendungen die deutsche Position vollkommen unkritisch dargestellt wird. Das stärkste Argument, das ich dann gehört habe, war, dass man ja nicht dauernd Alarmismus betreiben und Katastrophen an die Wand malen könne. Nein, das kann man nicht. Aber tausend Mal sagen, wie gut es uns doch geht, das kann man?! Klar, weil es dem Volk und den Politikern viel besser gefällt, selbst wenn es hier einigen und anderswo sehr vielen schon jetzt miserabel geht und die Aussichten alles andere als beruhigend sind. Denn fundierte Warnungen würden ja zum Umdenken und obendrein Handeln auffordern.

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