Statistiken zur Wende in Spanien – Und täglich grüßt das Murmeltier

Fast täglich hören wir in den deutschen Medien, wie gut es doch den südeuropäischen Ländern außer Griechenland geht. Fast nichts hören wir über die Entwicklung in der Eurozone ohne Deutschland, und in Deutschland geht natürlich sowieso alles gut. Gerade hat die FAZ beispielsweise wieder gezeigt, wie man Statistik einsetzten kann, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln.

Die Zeitung zeigt ein Bild (siehe unten), bei dem – im Längsformat! – ein Aufschwung vorgeführt wird, der für Spanien und Irland, aber auch für die Eurozone insgesamt toll aussieht.

Abb1neuspanienDa wir vergangenen Freitag genau das Gegenteil behauptet haben (hier), haben wir uns die Mühe gemacht, die FAZ-Kurven der Quartalswerte des BIP noch einmal genau nachzuvollziehen, den Maßstab aber zu normalisieren und Deutschland aus der EWU herauszurechnen. Zudem vergleichen wir für Spanien, das ja als besonderer Erfolgsfall der ‚Reformpolitik‘ gilt, das BIP mit der Entwicklung der Industrieproduktion und der Arbeitslosigkeit.

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des BIP nach Quartalen mit dem 1. Quartal 2015 als letztem Wert. Für die EWU ohne Deutschland zeigt sich ein Anstieg von etwa eineinhalb Prozentpunkten zwischen dem Tiefpunkt im ersten Quartal 2013 und dem ersten Quartal 2015. Das ist für einen so langen Zeitraum praktisch nichts bzw. innerhalb der Fehlermarge. Frankreich bringt es in diesem Zeitraum auf ungefähr den gleichen minimalen Anstieg, während Italien auf ein extrem niedriges Niveau sinkt und Portugal, ebenfalls auf extrem niedrigem Niveau, eine Belebung verzeichnet, die mit zwei Prozentpunkten innerhalb von zwei Jahren kaum der Rede wert ist.

Abbildung 1

Abb 1 BIP EWU

In der Tat sieht Spanien im Vergleich dazu wie ein Erfolgsfall aus. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass selbst gemäß dieser offiziellen Berechnungen des Statistischen Amtes die Zahlen für das spanische BIP noch unter dem Wert von 2011 liegen, von dem Niveau von 2008 gar nicht zu reden.

Doch der schöne (und erstaunlich glatte) Verlauf des spanischen BIP lässt sich in den Originalzahlen der wichtigsten Produktionsstatistiken nicht ohne weiteres nachvollziehen (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abb2spanienDer Zuwachs, den das spanische BIP etwa im ersten Quartal aufweist, ist schon erstaunlich. Zu sehen ist er weder bei der Produktion des Verarbeitenden Gewerbes noch bei der Bauproduktion (deren hier nicht abgebildete Monatswerte bis zum Mai 2015 reichen). Die Bauproduktion ist seit dem zweiten Halbjahr 2013 bis Anfang 2014 gestiegen, verharrt aber seitdem auf dem erreichten Niveau. Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe stagniert praktisch seit 2012.

Man fragt sich auch generell, wie in Spanien ein so moderater Rückgang des BIP zustande kommt, wenn zwei entscheidende Bereiche wie Bau und Industrie so extrem einbrechen. Die Produktion im Produzierenden Gewerbe ist immerhin um 40 Prozent zurückgegangen bei einem Rückgang des BIP, der nach offiziellen Angaben nur knapp zehn Prozent beträgt.

Auch ist man erstaunt, dass die Arbeitslosigkeit in Spanien fast so stark gestiegen ist wie in Griechenland, wo der Einbruch des BIP mit fast 30 Prozent wesentlich höher lag. In Abbildung 3 haben wir für Spanien die Kurven des BIP und der Produktion im Produzierenden Gewerbe sowie der Arbeitslosenquote (diese allerdings umgekehrt, d.h. die Werte auf der Skala nehmen zu, je weiter man auf der rechten Achse nach unten schaut) einmal übereinandergelegt.

Abbildung 3

Abb 2 BIP Sp

In Abbildung 4 haben wir das Gleiche für Griechenland gemacht. Man sieht, die Arbeitslosigkeit korrespondiert in Griechenland weitgehend mit dem Verlauf des BIP. Ganz anders in Spanien, wo die Arbeitslosigkeit zwar fast so stark zunimmt wie in Griechenland, das BIP davon aber kaum berührt zu sein scheint .

Abbildung 4

Abb4spanienDas ist mehr als frappierend. In Spanien hat sich die Entwicklung der Arbeitslosigkeit vollständig von der Berechnung des BIP, nicht aber von der Entwicklung der Industrieproduktion gelöst. In Griechenland passen die Kurven zusammen. Wohlgemerkt, wir haben exakt die gleichen Skalen für beide Graphiken verwendet.

Insgesamt zeigt sich, dass man bei einem täglich grüßenden Murmeltier stutzig werden sollte. Unsere Vorgehensweise in der Konjunkturberichterstattung hinsichtlich der BIP-Ergebnisse ist vollkommen berechtigt. Ein Vergleich der BIP-Berechnungen, die von den Statistischen Ämtern vorgenommen werden, mit den vorhandenen Originalstatistiken aus den unterschiedlichen Bereichen liefert einen Anhaltspunkt dafür, wie zuverlässig die konjunkturelle Entwicklung eines Landes in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung am aktuellen Rand abgebildet wird. Insbesondere bei Spanien ist offensichtlich große Vorsicht angebracht. Wenn man zu den schwer zu interpretierenden Zahlen des BIP noch die offiziellen und super-optimistischen Prognosen der spanischen Regierung für 2015 und 2016 mit heranzieht, fragt man sich, was das so entstehende Bild noch mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Wenn es um die Belegbarkeit der positiven Wirkungen der ‚Reformpolitik‘ nicht besser bestellt ist, als es die hier vorgeführten Daten vermuten lassen, machen wir uns um die Übereinstimmung unserer theoretisch fundierten Analyse der Wirkungen der Austeritäts- und Lohnsenkungspolitik mit der Realität keine Sorgen. Allerdings macht uns Sorgen, dass auf der Ebene der verantwortlichen Politiker und eines Großteils der Medien das Bemühen, die Augen vor der Realität fest zu verschließen, mehr Raum einzunehmen scheint als das Bemühen, den unter dieser Realität leidenden Bürgern zu helfen. Über den eigenen ideologischen Schatten zu springen ist wohl noch unerträglicher, als sich jeden Tag den Frühlingsbeginn von einem Murmeltier vorhersagen zu lassen.

 

 

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