Professor Sinn kennt das europäische Inflationsziel nicht

Wolfgang Münchau hatte in Spiegel-Online drei kluge Fragen an Professor Sinn gestellt, auf die dieser auch geantwortet hat. Das heißt, eigentlich hat Hans-Werner Sinn nicht geantwortet, sondern ist bloß ausgewichen. Das wird Wolfgang Münchau sicher selbst insgesamt kommentieren, da will ich nicht vorgreifen.

Eine auffällige Verdrehung der Tatsachen ist aber die Art und Weise, wie Professor Sinn die deutsche Unterbewertung in der Eurozone verkauft. Er schreibt: „Ordnungspolitik funktioniert immer, bei großen und kleinen Ländern. Dessen ungeachtet ist es aber nur kleinen Ländern möglich, sich durch Abwertungen Nachfrage aus dem Ausland zu verschaffen. Hier ist Wolfgang Münchau zuzustimmen. Das hat Deutschland, wenn man so will, im Euroraum getan, indem es mit seiner Inflation hinterher hinkte. Aber eigentlich hat nicht Deutschland agiert, denn die Preisstabilität war ja als Ziel im Maastrichter Vertrag verankert. Agiert haben statt dessen die südlichen Euroländer, indem sie jahrelang Inflationsraten hatten, die weit oberhalb der Toleranzgrenze von 2% lagen. EZB und Politikern ist der Vorwurf zu machen, dass sie nicht gebremst haben. Jetzt haben wir den Kladderadatsch.“

Deutschland hat also nicht agiert, weil „Preisstabilität“ verankert war. Welche „Preisstabilität“, muss man hier sofort fragen. Ist Preisstabilität gleich Null-Inflation? Weiß Professor Sinn nicht mehr, dass die europäische Zentralbank unter Zustimmung aller Länder und ohne Widerspruch von Seiten der deutschen Ökonomen zu Beginn der Währungsunion „Preisstabilität“ als eine Inflationsrate von leicht unter zwei Prozent festgelegt hat – und zwar auf Betreiben der Deutschen Bundesbank und nicht anders als es die Bundesbank dreißig Jahre lang vorher gehandhabt hatte. Das war keine Schwelle, sondern ein festes Inflationsziel! Warum bekämpft die EZB die Deflationsgefahr, wo die Inflationsrate doch noch oberhalb der absoluten Preisstabilität liegt?

Jetzt zu sagen, es habe eine „Toleranzgrenze“ gegeben, schreibt die Geschichte neu, und zwar falsch. Von der Zielinflation ist Deutschland weiter nach unten abgewichen als die Südeuropäer nach oben. Was ist mit Frankreich, das die Sinnsche „Toleranzgrenze“ genau eingehalten hat? Musste es damit rechnen, von Deutschland massiv unterboten zu werden? Hat man Frankreich vorher gesagt, dass es in der Währungsunion einen von Deutschland angeführten Unterbietungswettbewerb geben werde?

Wir werden übrigens nächste Woche ein längeres Stück dazu bringen, wie Hans-Werner Sinn in dem Artikel in der SZ, auf den sich auch Wolfgang Münchau bezog, die Ökonomik als Wissenschaft beschreibt und am Kern der Kritik , die nach der Finanzkrise aufgekommen ist, vollkommen vorbeizielt.

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