Portugal und Griechenland haben gar keine mit Deutschland vergleichbaren Produkte… warum sollten wir da die Löhne erhöhen?

Ein Leser schreibt uns: „Allerdings treffe ich in Diskussionen, in denen ich die Meinung vertrete, dass Deutschland die Löhne erhöhen sollte, um unseren europäischen Nachbarn bei ihrem Weg aus der Krise zu unterstützen, oft auf ein Argument, dass ich noch nicht vollständig entkräften kann: Eine Erhöhung der Löhne und eine Verringerung der Exportüberschüsse würde nicht unbedingt anderen Ländern in Europa zu Gute kommen, sondern zum Großteil Exporteuren in den USA oder Asien. Portugal oder Griechenland haben keine vergleichbare produzierende Industrie, die die deutschen Überschüsse einfach übernehmen könnte, und im Gegenzug würden mit den höheren deutschen Löhnen eher mehr Produkte aus Asien als der Euro-Zone gekauft. … Falls dem so wäre, wären dann nicht Fiskaltransfers zwischen den Euroländern doch eine bessere (wenn auch dem deutschen Volk schwer vermittelbare) Lösung?“

Das ist in der Tat eine häufig anzutreffende Argumentation, weswegen es sich lohnt, noch einmal darauf einzugehen. Zunächst muss man sich, um die Zusammenhänge zu verstehen, vollständig von den bilateralen Verhältnissen lösen. Es geht in der Tat nicht darum, dass Griechenland plötzlich Autos baut, die vorher in Deutschland gebaut worden sind. Es geht aber auch gar nicht um Griechenland und Portugal, sondern um die gesamte europäische Währungsunion, einschließlich Frankreichs und Italiens. Die letztgenannten haben jede Menge Produkte, die auch direkt mit Deutschland im Wettbewerb stehen und zwar auf dem europäischen Markt, aber auch auf den Weltmärkten. Würden also Frankreich und Italien mehr Autos auf der Welt absetzen zu Lasten Deutschlands, könnte es durchaus auch sein, dass Griechenland und Portugal mehr Wein und Käse verkaufen können, einfach, weil bei höheren Einkommen in Italien und Frankreich eine größere Nachfrage für diese Produkte entstünde.

So kommt man aber in der Analyse nicht viel weiter, weil wir keine detaillierte Matrix aller Handelsbeziehungen haben, die uns Produkt für Produkt sagen könnte, welche neuen Wechselbeziehungen entstehen, wenn irgendwo die Preise geändert werden. Deswegen muss man die Frage grundsätzlicher stellen, nämlich man muss fragen, wie viel jedes Land exportieren und wie viel es importieren sollte. Das ist im Prinzip die Frage, wie viele Importgüter sich ein Land als Ganzes leisten kann. Die Antwort darauf ist furchtbar einfach: Auf längere Sicht genau so viel, wie es durch seine eigenen Exporterlöse kaufen kann.

Natürlich können die Menschen in einem Land in dieser Welt mehr kaufen als sie verkaufen, wenn sie andere Menschen in einem anderen Land finden, bei denen das genau umgekehrt ist, die also weniger kaufen wollen, als sie selbst verkaufen. Die Frage ist nur, wie lange das gut geht. Wenn der eine immer weiter Kredite aufnimmt, um seine Importe zu „bezahlen“, kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo der Kreditgeber fragt, wie es mit dem Zurückzahlen der Schulden steht. Die Schulden kann der Schuldner aber nur zurückzahlen, wenn er seinerseits für einige Zeit Überschüsse im Handel mit dem Gläubigerland aufweist, also mehr verkauft als er selbst kauft. Gibt es nur die beiden Länder auf der Welt, ist das absolut zwingend, aber im Verhältnis der großen Handelsnationen ist man nicht weit weg von diesem bilateralen Verhältnis.

Die Folgerung für jedes Land, das am internationalen Handel teilnimmt, kann daher nur sein: Du darfst genau so viel importieren wie du auf Dauer in der Lage bist, durch eigene Exporte zu bezahlen. Wer wenig zu exportieren hat, kann auch nur wenig importieren. Deswegen ist die von unserem Leser gestellte Frage von vorneherein problematisch. Transfers braucht man genau dann, wenn ein Partner schon gegen diese Regel verstoßen, lange über seine Verhältnisse gelebt hat und auch für die Zukunft keine Chance hat, seine Handelsbilanz auszugleichen oder gar einen Überschuss zu erwirtschaften.

Zwischen souveränen Nationen ist es aber schwer bis unmöglich, Transfers durchzusetzen, ohne gleichzeitig die Souveränität des von den Transfers Abhängigen einzuschränken. Das kann man derzeit in Europa jeden Tag erleben. Daher muss man Wege suchen, die eine einmal entstandene Schieflage ohne schwere Eingriffe in die Souveränität beseitigen helfen. Am einfachsten ist das durch eine Preisänderung für alle Produkte zu erreichen, die von einer Abwertung der Währung des Schuldnerlandes ausgeht. Ist die Schieflage so entstanden, wie das Friederike Spiecker vergangene Woche für die EWU geschildert hat, geht kein Weg an der Umkehrung dieses Prozesses vorbei, nämlich über reale Ab- und Aufwertungen mit Hilfe der Löhne bzw. Lohnstückkosten.

Wir haben beobachtet, dass im Zuge der relativen Preisänderung für die Produkte, die von dem deutschen Lohndumping ausgelöst wurde, sich die Überschussposition Deutschlands aufgebaut hat und gleichzeitig die Defizitposition der anderen. Das war auch naheliegend, weil Preisänderungen und entstehende Preisunterschiede nun einmal die entscheidenden Signale in einer Marktwirtschaft für eine Änderung des Käuferverhaltens sind. Warum sollten wir jetzt auf einmal glauben, dass Preisänderungen in die andere Richtung keine Rolle mehr spielen? Hinzu kommt, dass es genau diese Preisänderungen sind, die die EWU braucht, um von ihrem deflationären Pfad wieder auf den angestrebten normal-inflationären Pfad entlang dem Inflationsziel von knapp zwei Prozent zurückzukehren.

Die Tatsache, dass jetzt einige frühere Defizitländer ihre Defizite abgebaut haben, darf nicht über die Bedeutung der Preis- und Lohnstückkostenänderungen hinwegtäuschen. Sie sind zum Teil in tiefen Rezessionen und haben daher ihre Importe verringert. Es geht aber darum, sie aus diesen Rezessionen wieder herauszuholen. Wenn sie bei normalem wirtschaftlichem Wachstum aber schnell wieder in die gleichen Defizitpositionen kommen wie vorher, ist wenig gewonnen. Verhindert werden kann das nur durch dauerhafte Preisänderungen zugunsten dieser Länder, die ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessert; die aber gibt es nicht ohne wesentlich stärker steigende deutsche Löhne, wenn gleichzeitig Deflation ausgeschlossen werden soll.

Man kann das Ergebnis sehr einfach zusammenfassen: Länder müssen immer dafür sorgen, dass Exporte und Importe zusammenpassen. Das muss nicht ein perfekter Ausgleich sein, aber der Ausgleich muss sozusagen immer im Bereich des politisch Möglichen liegen. Das geht nicht ohne das wichtigste Anpassungsinstrument in einer Marktwirtschaft, ohne die Preise. Die Preise aber sind an die Löhne gekoppelt, weswegen es nicht ohne einen Ausgleich der Lohnstückkosten geht. Gibt es zwischen den nationalen Lohnstückkosten eine Währungsrelation, kann man in internationaler Währung gerechnet den Ausgleich auch durch eine Wertänderung der Währungen erreichen. Gibt es keine Währung wie in der EWU geht es nur über die internationalen Lohnrelationen. Was ein Land an Gütern zu verkaufen hat oder welche es kaufen möchte, spielt dabei keine Rolle.

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