Konfusion von links bis rechts: Was soll Griechenland tun?

Vor der Wahl in Griechenland haben deutsche Ökonomen sehr unterschiedliche Ratschläge gegeben, wie Griechenland aus seiner ökonomischen und politischen Krise herausfinden könne. Auf zwei diametral entgegengesetzte Positionen will ich näher eingehen, weil sie zeigen, woran eine Lösung scheitert: am Mangel an Logik.

Hans-Werner Sinn macht sich für einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone (einschließlich eines dann unabdingbaren Schuldenschnitts) stark mit dem Argument, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes sei nicht innerhalb des Eurosystems wiederherstellbar. Denn die interne Abwertung durch die Sparprogramme sei gescheitert. Gegenüber dem Handelsblatt gibt er als Beleg für die nach wie vor mangelnde Wettbewerbsfähigkeit an, die griechischen Löhne seien doppelt so hoch wie die polnischen. Griechenlands Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen erfordere daher eine eigene Währung, die stark abwerten müsse.

Rudolf Hickel hingegen warnt vor einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Er plädiert zwar genau wie Hans-Werner Sinn für einen Schuldenschnitt und sieht ebenfalls, dass das Land seine internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken muss. Nur schlägt er dafür einen zu Sinns Vorschlag konträren Weg vor: „massiver Schuldenschnitt sowie Finanzhilfen zum Aufbau der Wirtschaft“. Er hat bei seiner Warnung nicht nur die Domino-Wirkungen eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone auf andere Staaten der Währungsunion vor Augen (eine Gefahr, die ich genau so sehe), sondern er hält auch nichts von dem Argument „marktfundamentalistischer Ökonomen“, Griechenland könne seine Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung wiederherstellen.

Dafür führt er zwei Gründe an. Zum einen sei die griechische Wirtschaftsstruktur „demontiert[…] und insgesamt unterentwickelt[…] vor allem auch im Exportsektor“, so dass Griechenland Preisvorteile einer Abwertung kaum nutzen könne. Beleg dafür sei, dass die Lohnstückkosten in den Jahren 2011 bis 2014 in Griechenland um fast 13 % gesunken seien, die Exporte jedoch nicht zugenommen hätten, sondern in den letzten Jahren immer noch um 3 Prozent zurückgegangen seien. Zum anderen seien in „Deutschland […] dagegen die Lohnstückkosten im gleichen Zeitraum um fast 9% gewachsen, jedoch wegen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit die Exporte stark gestiegen.“

Das verstehe ich so, dass Rudolf Hickel die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes als gar nicht oder nur wenig abhängig von seiner Lohnstückkostenposition (in gleicher Währung) im Vergleich zu seinen Handelspartnern ansieht. (Darin scheint er sich mit der Führungsspitze der Gewerkschaften einig zu sein, wie wir hier kommentiert haben.) Wenn die Lohnstückkostenentwicklung eines Landes für seinen internationalen Handel kaum eine Rolle spielt, dann ist es nur logisch, sich von einer Abwertung (egal ob intern durch Deflation oder extern durch Abwertung einer eigenständigen Währung) keine positive Wirkung auf die Wirtschaft zu versprechen.

Wer hat also Recht? Hans-Werner Sinn, der eine Abwertung in einer Größenordnung für notwendig hält, die intern (also unter Verbleib in der Eurozone) nicht zu schaffen ist, und der daher für einen Austritt plädiert? Oder Rudolf Hickel, der eine Abwertung für nicht zielführend zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit hält und u.a. deshalb von einem Austritt abrät?

Sehen wir uns zuerst die Fakten an. In Abbildung 1 ist die von Rudolf Hickel angesprochene Lohnstückkostenentwicklung Deutschlands und Griechenlands dargestellt zusammen mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB). Richtig ist, dass die Lohnstückkosten Griechenlands seit 2011 stark gefallen sind (nach den hier verwendeten Daten um 11 Prozent; allerdings beruhen die Werte für 2014 auf Schätzungen der EU-Kommission vom November und auf einer Extrapolation der Arbeitsstundenzahlen der OECD, so dass sich leichte Abweichungen zu den von Rudolf Hickel genannten Zahlen ergeben können) und heute einen Stand erreicht haben, der den Anforderungen der EZB mehr als entspricht (die blaue Linie in Abbildung 1 ist unter die grüne gefallen).

Abbildung 1

Abb 1 LStK D Gr

Richtig ist auch, dass die deutschen Lohnstückkosten zwischen 2011 und heute kontinuierlich gestiegen sind (nach den hier verwendeten Daten um insgesamt fast 8 Prozent). Das Problem ist, dass ihr Niveau im Jahr 2011 so stark unterhalb des eigentlich erforderlichen Levels und erst recht meilenweit unterhalb des griechischen lag, dass die seither erfolgte Steigerung – auch in Verbindung mit dem absoluten Rückgang bei der Konkurrenz aus Griechenland – nicht ausreicht, um die Lohnstückkostenniveaus der beiden Länder (und natürlich auch weiterer Euroländer) in die gleiche Größenordnung zu befördern. Der Abstand beträgt im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt noch ungefähr 14 Prozentpunkte.

Bei den Preisniveaus – hier gemessen am Deflator des Bruttoinlandsprodukts (BIP) (vgl. Abbildung 2) – sieht es nicht viel besser aus. Auch hier liegen beide Länder noch fast 13 Prozentpunkte auseinander.

Abbildung 2

Abb 2 Preise D Gr

Kein Wunder, dass sich die Handelsströme noch nicht in ihr Gegenteil verkehrt haben. Denn einen potenziellen Käufer irgendwo auf dieser Welt interessiert für seine Entscheidung, welches Produkt er unter verschiedenen konkurrierenden Angeboten wählt, nicht, um wieviel preiswerter oder teurer es im Zeitablauf geworden ist, sondern wie die aktuellen Preisverhältnisse der Produkte untereinander sind (immer unter Berücksichtigung der Qualität). Und wenn da das eine um über 10 Prozent teurer ist als das andere, hat der Käufer keinen Grund, das teurere Angebot anzunehmen. Dass der Preisabstand zwischen den Produkten deutlich gesunken ist, ändert daran nichts.

Unter welchen Bedingungen die Handelsströme auf die Preisverhältnisse innerhalb einer Währungsunion reagieren, hängt vom Verhältnis der absoluten Preisniveaus ab. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Griechenland trotz der massiven internen Abwertung beim Export nach wie vor noch keine spürbaren Erfolge verzeichnet. Und es ist auch kein Wunder, dass Deutschland trotz der Lohnstückkostensteigerungen in den letzten Jahren immer noch Nettoexporte in der Größenordnung von 7 Prozent seines BIP zustande bringt. Das preisliche Ruhekissen, auf das sich die Exporteure hierzulande stützen können, ist immer noch wohlgestopft. Und natürlich ändern sich eingefahrene Handelsbeziehungen und langfristig aufgebaute Produktionsstrukturen nicht über Nacht, da hat Rudolf Hickel recht. Selbst wenn eines (fernen und unwahrscheinlichen) Tages die durchschnittlichen nationalen Preisniveaus zwischen den Euroländern wieder angeglichen wären, hieße das ja noch lange nicht, dass Deutschlands Marktanteile im internationalen Handel wieder schrumpfen müssten. Es bedeutete lediglich, dass die deutschen Marktanteile insgesamt stagnierten.

Wollten die anderen Währungspartner ihre Marktanteile erhöhen, müssten sie mit ihren durchschnittlichen Preisniveaus das deutsche Level unterbieten, und zwar spürbar und für einen längeren Zeitraum (vermutlich so lang, wie Deutschland das umgekehrt bisher getan hat, also eineinhalb Jahrzehnte). Erst dann wäre eine nachhaltige Rückführung ihrer Handelsdefizite nicht durch schrumpfende Importe, sondern durch steigende Exporte möglich. Und erst dann sänken auch die deutschen Exportüberschüsse merklich.

Bis die deutschen Nettoexporte aber nicht nur sinken, sondern sich in Handelsdefizite verwandelten und im gleichen Zuge unsere ausländischen Schuldner überhaupt anfangen könnten, ihre Schulden zurückzuzahlen, dauerte es vermutlich noch weitere zehn Jahre.

Dass Rudolf Hickel die Lohnstückkostenentwicklung in Griechenland und Deutschland der letzten drei Jahre als Beleg dafür heranzieht, dass sie kaum Auswirkungen auf die Handelsströme hätten, ist nach diesem empirischen Befund meiner Ansicht nach wissenschaftlich nicht nachvollziehbar und ein großer politischer Fehler (wie ihn leider auch große Teile der deutschen Gewerkschaften begehen). Blickt man hingegen nicht nur auf den kurzen Zeitraum von 2011 bis 2014 (wie Rudolf Hickel), sondern betrachtet die Entwicklungen über längere Zeiträume, wird der entscheidende Kanal für die Entstehung der Eurokrise, das Auseinanderdriften der nationalen Lohnstückkosten in der EWU, deutlich sichtbar. Aber wenn dieser Zusammenhang als irrelevant angesehen oder zumindest bei der Suche nach einer Lösung beiseitegeschoben wird, gibt es keine Lösung der Krise, ohne dass Länder die EWU verlassen.

Gerade wenn man für den Zusammenhalt der Währungsunion wirbt (was ich unterstütze), muss man ihren Konstruktionsfehler beheben. Sich auf „Finanzhilfen zum Aufbau der Wirtschaft“ zu verlegen, hilft nicht weiter. Und zwar nicht nur, weil das politisch ganz offensichtlich nicht durchsetzbar ist (man stelle sich den Stimmenzuwachs bei der AfD vor, wenn Deutschland nach einem griechischen Schuldenschnitt in dreistelliger Milliardenhöhe, sagen wir, 20 Milliarden Euro Aufbauhilfe zahlen soll), sondern vor allem, weil dieser Vorschlag Austrittsbefürwortern wie Hans-Werner Sinn in die Hände spielt. Der spricht von einem „Fass ohne Boden“, das Griechenland darstelle, wenn seine Wettbewerbsfähigkeit nicht wiederhergestellt werde. Und damit hat er leider recht. Denn wenn Deutschland seinen Wettbewerbsvorteil innerhalb der EWU nicht aufzugeben bereit ist – und der manifestiert sich in erster Linie im Abstand der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkostenniveaus der Währungspartner –, kann man nirgendwo konkurrenzfähige Wirtschaftsstrukturen aufbauen, egal wie viel öffentliche Gelder man investiert. Bleibt Deutschland im Durchschnitt billiger als die Länder, die die gleiche Währung haben, wird es immer ein Handelsgefälle geben, sprich: wird Deutschland immer mehr exportieren als importieren und die Währungspartner werden immer Schulden bei uns anhäufen.

Zwar stimmt es, dass die griechischen Wirtschaftsstrukturen durch die Entwicklung der vergangenen Jahre zu einem erheblichen Teil „demontiert“ worden sind. Eine Abwertung stellt aber eine Chance dar, dass sich neue und konkurrenzfähige Strukturen bilden können und zwar innerhalb überschaubarer Zeit (Heiner Flassbeck hat das am Beispiel Brasiliens gezeigt.) Wer diese Chance ergreift und welche Branchen sich entwickeln, lässt sich vorab praktisch nicht vorhersagen. Auch der Staat hat hier keine bessere Voraussicht als die Privaten. Sollen in Griechenland aber neue Strukturen mittels staatlicher Subventionen und / oder Investitionsprojekten unter Verbleib des Landes in der Eurozone aufgebaut werden, ohne dass das fatale Preis- bzw. Lohnstückkostengefälle nicht-deflationär in Ordnung gebracht wird, ist das Scheitern einer solchen Politik vorprogrammiert.

Soweit so schlecht. Trotzdem denke ich, dass Hans-Werner Sinn falsch liegt, wenn er den Griechen zu einem Austritt aus der EWU rät. Dass er die Folgen eines solchen Schrittes wohl nicht richtig einschätzt, konnte man vor kurzem in Stefan Dudeys Beitrag auf diesen Seiten nachlesen. Insoweit stimme ich auch der Kritik Rudolf Hickels an Austrittsüberlegungen zu. Ganz besonders stört mich, dass Hans-Werner Sinn zum Beleg seiner These mangelnder Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands einen haarsträubenden Vergleich heranzieht, nämlich die polnischen Löhne, die nur halb so hoch seien wie die griechischen.

Das ist in zweierlei Hinsicht mehr als dubios. Erstens ist ein Vergleich der Löhne ohne Beachtung der Produktivität Unfug. Wäre Griechenland doppelt so produktiv wie Polen, dann könnte es sich auch doppelt so hohe Löhne leisten. Und zweitens ist Polen nicht Mitglied der EWU. Einen Vergleich des Lohnniveaus oder eben besser: des Lohnstückkostenniveaus beider Länder kann man zwar rechnerisch in gleicher Währung vornehmen. Das heißt aber nicht, dass ein Land, das bei einem solchen Vergleich gut abschneidet, beim internationalen Handel nicht in Schwierigkeiten geraten könnte. Denn wer garantiert, dass sich die Wechselkurse nicht (möglicherweise sogar abrupt) so ändern, dass aus einem wettbewerbsfähigen Land ein nicht mehr wettbewerbsfähiges wird und umgekehrt? Das im Vergleich zu Griechenland große Polen hat Schwankungen seines Wechselkurses erlebt, die seiner Exportindustrie schwer zu schaffen gemacht haben (wir sind darauf vor längerer Zeit eingegangen). (Auf das Problem der Volatilität der Wechselkurse weist auch Rudolf Hickel in seiner Grexit-Kritik völlig zu Recht hin.)

Hans-Werner Sinn hätte gut daran getan, seinen Rat zum Euro-Austritt mit der klaren Forderung zu koppeln, dass die EZB in einem solchen Fall ohne Wenn und Aber die Stabilisierung der neuen griechischen Währung auf einem zu vereinbarenden (realen) Niveau übernimmt und dieses über Jahre hinweg zu schützen bereit ist. (In einer fünfteiligen Beitragsserie (Teil 1, 2, 3, 4, 5) habe ich beschrieben, wie eine solche Kooperation zwischen Notenbanken funktioniert und warum sie erforderlich ist.) Vor dem Euro gab es ja auch keinen Währungsdschungel in Europa, sondern das EWS, das den Devisenmärkten das Spielball-Handwerk legte. Wer das nicht zur zentralen Bedingung seines Austrittsrates macht, hat das Wohlergehen der Beratenen nicht wirklich im Blick, ganz gleichgültig, für welchen Schuldenschnitt er sich stark macht.

Und das bringt mich zum Kern meiner Kritik an dem unsäglichen Vergleich: Wer heute Griechenland zu einer eigenen Währung rät, damit es mit den Löhnen eines Landes, das eine andere Währung hat, mithalten kann, der wird übermorgen Deutschland raten, seine Löhne an den Verhältnisse in China zu orientieren. Vergessen wir nicht, mit welcher Begründung Hans-Werner Sinn die deutsche Lohnmoderation und die für ihre Durchsetzbarkeit essentielle „aktivierende“ Sozialhilfe in den vergangenen 12 Jahren befördert hat: „Angesichts der Niedriglohnkonkurrenz aus Osteuropa und anderen Ländern, sind die Löhne, zu denen die Arbeitgeber hier Stellen schaffen, heute [2005, Anm. d. Verf.] niedriger als 1995.“ Dass er damit wesentlich zur Eurokrise beigetragen hat, steht für mich außer Frage. Und nun wiederholt er den gleichen Fehler – den übrigens auch Bernd Lucke gemacht hat (vgl. den Hamburger Appell). Amerika, du hast es besser, schrieb Johann Wolfgang von Goethe vor fast 200 Jahren, und es wäre bitter, wenn ein politisch wie ökonomisch unverändert schlecht beratenes Europa weiter und noch tiefer in die Krise abrutscht, so dass dieser Satz wahr wird.

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