Italien: „Sterben für den Euro“ – Warum Märtyrer zu Wutbürgern werden. (Teil I)

Ein Gastbeitrag von Martin Rothweiler

Die gängigen deutschen Deutungsversuche für die Schwierigkeiten in Bella Italia reichen meist nicht über triviale Schlagwörter wie „Korruption“, „behäbige Bürokratie“ und „unproduktive Arbeitnehmer“ hinaus. Auch die wenigen deutschsprachigen Korrespondenten der italienischen Medienlandschaft (z.B. Udo Gümpl oder Tobias Piller – auch als „Planierraupe“ der FAZ in Italien betitelt, hier), haben nicht viel mehr als den moralischen Zeigefinger des deutschen Oberlehrers zu bieten. Äthopien z.B. ist in Sachen Korruption wahrlich kein Vorzeigekandidat und kann trotzdem ein respektables Wirtschaftswachstum vorweisen. Finnland hingegen ist trotz exzellenter Noten in Sachen Korruption, Effizienz und Bürokratie als Europas Sorgenkind abgestürzt. Diese abgenützten Argumente allein werden der Sache also bei weitem nicht gerecht und dienen nur der Polarisierung und dem Erhalt des Selbstbildes der scheinbaren nordischen Überlegenheit.

Fragwürdige Vorbilder

Deutsche Meisterleistungen wie die Rotlicht- und Abgas-Affären von VW, Korruption bei Siemens, das Berliner Flughafendesaster, die Elb-Philharmonie und das deutsche Geldwäsche-Eldorardo (hier) liefern in Italien ausreichend Munition um rhetorisch zurückzufeuern und das deutsche „Vorbild“ inklusiv verordneter „Hausaufgaben“ der schwäbischen Hausfrauen-Ökonomie (hier) fundamental in Frage zu stellen. Die deutsche Kreativität in makroökonomischer Buchführung inklusive Defizit-Verfahren gegen Deutschland in den Jahren 2002/2004 (hier) sowie der kontinuierliche unlautere deutsche Leistungsbilanzüberschuss bilden ebenso kontraproduktive Präzedenzfälle welche in Italien zunehmend ins Bewusstsein der Euro-Antagonisten rücken.

Selbst kulinarische Themen werden in Italien schnell zum Politikum und so überrascht es kaum, dass verschiedene Dokumentarfilme von hoch angesehenen Investigativ-Journalisten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen für empörte Aufschreie in der Bevölkerung sorgten. Das weit verbreitete Dumping-Geschäftsmodell der deutschen Fleischindustrie mit prekären osteuropäischen Wanderarbeitern (hier), sowie der Import von billigem Milchpulver aus Nord-Europa für die heimische Mozzarella-Produktion haben dazu beigetragen die Skepsis über das „europäische Modell“ weit in die italienische Bevölkerung hineinzutragen, was bei anderen abstrakten und alltagsfernen geldpolitischen Themen wie ESM oder ESFS deutlich weniger der Fall ist, bzw. war. Dass man in Osteuropa aufgezüchtete Schweine über holländisch-irische Firmengeflechte nach Deutschland importieren kann, damit sie dort (!) von rumänischen Tagelöhnern geschlachtet werden, um sie anschließend in Italien mit dem „Made-in-Italy“- Stempel zu versehen, war bis dato nur ausgefuchsten Insidern und Consultants bekannt, aber weniger der Normalbevölkerung.

Das Ende von Bunga-Bunga: Wird jetzt alles besser?

Dem vielerseits bejubelten, teilweise jedoch sehr denkwürdigen Ende der Berlusconi-Ära im November 2011 – die EZB scheint am Thronwechsel nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein (hier) – folgte eine ebenso denkwürdige und demokratiefreie Zeit der phantasielosen „Technokraten“. Deren repräsentativste Leistung kulminierte mit den bei der Pressekonferenz berühmt gewordenen Kullertränen der Ministerin für Arbeit und Soziales, Elsa Fornero (hier): Rentenkürzungen, 160.000 Frührentner die ohne Job und ohne Anspruch auf Rentenzahlung in der Luft hingen, Anhebung des Renteneintrittsalters, Immobilien-Steuer auch auf Erstimmobilien sowie Anhebung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte.

Einem Volk in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Brüningsche Rezepte aus der Weimarer Republik zu verordnen, kann wahlweise als gewagtes Experiment oder, wie vom Wall Street Journal, als „epochale Reformen“ interpretiert werden (hier). Einen besonders bitteren Beigeschmack bekommt dies allemal, wenn diese Kur von einem nicht gewählten Technokraten wie Mario Monti verordnet wird, dessen Lebenslauf von Goldman Sachs, über die Trilaterale Kommission bis hin zur EU-Kommission reicht und dessen Lebensunterhalt mit einem deklarierten Jahreseinkommen von 1,5 Mio. Euro (sei es im gegönnt, siehe hier) von diesen „epochalen Reformen“ kaum beeinträchtigt sein wird.

Das Vertrauen der Bevölkerung in seine Institutionen und die Ideologie der Troika wurde auch durch diese undemokratischen Schachzüge nachhaltig untergraben.

Romano Prodis Märchenstunde: Weniger Arbeit, aber mehr Geld!

Seit der Geburt der Social-Media-Ära erleben bereits in Vergessenheit geratene politische Botschaften und Schlagwörter eine vorher ungeahnte Wiedergeburt. So sind auch ältere Prophezeiungen verschiedener Euro-Theologen wieder in die Erinnerung der Bevölkerung gerückt und finden in den sozialen Netzwerken exponentielle Verbreitung. Im Jahr 1999 verzuckerte Multitalent und Sozialdemokrat Prof. Romano Prodi (CV: Geschäftsführer von Maserati, Ministerpräsident, Goldman Sachs-Berater und EU-Kommissar) „seinem Volk den Euro: „mit dem Euro werden wir einen Tag weniger arbeiten aber einen Tag mehr Geld verdienen.“ (hier). Zyniker werfen hierbei gerne ein, dass die Sache mit dem „weniger Arbeiten“ ja immerhin funktioniert hätte – wie folgende Grafik zeigt:

Rothweiler1  Grafik: ISTAT

Das Niveau der italienischen Industrieproduktion ist um fast 30 Jahre zurückgefallen!

Sterben für Maastricht

Andere Zyniker wiederum erinnern an dieser Stelle gerne an das 1997 verfasste Buch des sozialdemokratischen Ex-Ministerpräsident Enrico Letta mit dem märtyrerischen Titel: „Euro, Ja! Sterben für Maastricht.“ Für nur 4,95 Euro wird es beim gegenwärtigen politischen Verlauf in der EU post-mortem bestimmt noch ein lohnendes Investment für Sammler.

Besonderen Ruhm erlangte in der italienischen Presse ein nicht seltener Fall von Arbeitsplatzverlagerung: Ein Unternehmer für Elektronikkomponenten schickte seine Mitarbeiter in den Sommer-Urlaub, als diese zurückkommen wollten, hatte der Inhaber das Unternehmen aber bereits nach Polen verlagert (hier). Wirklich verwundern dürfte auch das eigentlich niemanden in einem Land, dessen „Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, selbst Firmenanteile und Wertschöpfung ihrer familieneigenen Betriebe nach Rumänien, Kroatien und Indien ausgelagert hat (hier).

Wenn dann derselbe Eu(ro)phoriker“ Romano Prodi mit 14 Jahren Verspätung im Februar 2013 zur besten Sendezeit eingesteht, dass die wirklichen Euro-Gewinner in Deutschland zu suchen seien: „Deutschland ist unser (EU)-China, mit einem enormen Handelsüberschuss wie es in Prä-Euro-Zeiten nicht möglich gewesen wäre – das haben wir vorher mit Abwertungen bis zu 600% (meint wohl kumuliert, Anm. d. Verf) verhindert“ (hier), dann sollte man sich nicht wundern, dass in Italien berechtigte Zweifel am Euro und am europäischen „Partner“ angemeldet werden. Immerhin ist Italien Netto-Beitragszahler der EU und noch (!) größter Maschinenbauer in Europa hinter Deutschland.

 „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“

Die Grafik auf der webseite „vocidallestero.it“ schärft den Blick des Südens auf den deutschen „Partner“. Es bedarf weder eines Romano Prodi noch eines Studiums an der Universität Bocconi um zu erkennen, wer der Elefant im Porzellanladen ist und wie groß der Graben zwischen den verschiedenen Volkswirtschaften geworden ist:

Rothweiler2Grafik: vocidallestero.it

Deutschland foult gegen seine „Partner“ in der „Werte- und Währungsgemeinschaft“ seit 2001 fast ununterbrochen und seit Gerhard Schröder sogar im Weltmeister-Modus. Die deutschen Arbeitnehmer in der schwindenden Mittelschicht leben weit unter (!) ihren Verhältnissen und sind nicht nur Weltmeister im Fußball sondern auch Europameister im (relativen) Lohndumping. Durchaus eine besondere Interpretation der Solidargemeinschaft. Solange Deutschland diese „Werte“ in seiner Führungsrolle vorlebt, wird es den Italienern enorm schwer fallen über eigene Versäumnisse überhaupt nur nachzudenken.

Vom Martyrer zum Wutbürger

Inzwischen sprechen sich 42 % der italienischen Bevölkerung gegen den Euro aus und nur noch 32 % haben Vertrauen in die EU (Umfrage WinGallup & LaRepubblica). Die wachsende Euro- und EU-Skepsis ist dabei keineswegs ein reines Phänomen des rechten nationalistischen Flügels. Vielmehr breitet sich eine partei- und ideologieübergreifende Erkenntniswelle aus, die sich vom marxistischen Philosophen Diego Fusaro, über pragmatisch analysierende Professoren wie Prof. Alberto Bagnai, bis hin zum padanischen Politik-Teutonen und EU-Parlamentarier Matteo Salvini (Lega Nord) ausdehnt. Gemein ist ihnen die Stimmungslage wie sie Diego Fusaro zusammenfast: „Der Euro ist keine Währung, er ist eine Form der Regierung, nationale Souveränitäten auszuhebeln und soziale Errungenschaften zu zerstören… was Deutschland vor 70 Jahren mit den Panzern nicht gelang, versucht es heute über die Bandagen des Euros“ (hier). Dabei weiß man in Italien inzwischen sehr wohl zwischen „Deutschland“ und „den Deutschen“ zu unterscheiden, wie recht aktuelle Buchtitel dokumentieren: „Reiches Deutschland, Arme Deutsche“, „Europa kaputt“, oder „Das Vierte Reich“. (hier), (hier) und (hier).

rothweiler3

Wahlkampagne der Lega Nord www.basta-euro.org

Martin Rothweiler arbeitet als freiberuflicher Unternehmensberater für mittelständische Unternehmen, hauptsächlich in Italien. Er hat über 10 Jahre in Italien gelebt und in verschiedenen Unternehmensverbänden und Konsortien (Federalberghi, Confescercenti) mitgewirkt und ausgiebig das wirtschaftliche und politische Umfeld vor Ort kenngelernt. Seit 2013 ist sein Lebensmittelpunkt wieder in Süddeutschland. Er wird in Zukunft regelmäßig für uns aus Italien berichten.

 

 

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