Gesamtwirtschaftliches Denken

19. Dezember 2013 l l Ökonomische Theorie

Die orthodoxe Ökonomie ist vom einzelwirtschaftlichen Denken geprägt. In der Neoklassik ist der Kapitalmarkt das beste Beispiel für die Täuschung durch einzelwirtschaftliche Betrachtung: Wenn Sie Ihr Geld nicht ausgeben, liegt es auf Ihrem Konto und ist von jemandem für seine Güterkäufe geliehen worden. Schadet also das Sparen der Konjunktur doch nicht, weil ein Kreditnehmer mit Ihrem gesparten Geld Güter kauft? Sinken gar die Zinsen, wenn die Haushalte mehr sparen und so das Angebot von Ersparnissen steigern?

Ein lustiges Beispiel für falsche Schlüsse aus einer beschränkten Sicht auf das eigene Bankkonto: Denn wenn Sie Ihr Geld ausgeben, ist es nicht weg, es ist nur in anderen Händen. Da kann es die Bank allerdings auch nicht nochmal verleihen, es ist nämlich schon verliehen, sonst gäbe es das Geld gar nicht. Ihr Sparen sorgt in einer Krise also nicht für ein größeres Angebot von Ersparnissen und sinkende Zinsen. Ganz im Gegenteil wurde mit dem Sparen das unternehmerische Risiko von Schuldnern, die nichts verkaufen konnten, noch erhöht. Die Belebung der Konjunktur durch steigende Nachfrage in einer Krise lässt dagegen den Risikozins wieder sinken.

Der neoklassischen Theorie kam es darauf an, dass Studenten und Publikum das Sparen für wertvoll halten und den negativen Einfluss auf die Konjunktur nicht erkennen. Dazu wurde ein Kapitalmarkt passend erfunden, im englischen Sprachraum als loanable funds theory noch immer aktuell. Heute redet man sich damit heraus, dass es sich um einen theoretischen Markt handle, also um ein reines Hirngespinst von VWL-Professoren wie Gregory Mankiw. Viele glauben immer noch, dass Konjunkturprogramme der Regierung Ersparnisse vergeuden, Investitionen der Unternehmen verhindern und in der Krise noch die Zinsen hochtreiben würden, während das Sparen der Haushalte an ihrem Konsum den Kapitalmarkt mit zusätzlichen Kreditmitteln versorge, die wegen dem Kapitalmangel zur Schaffung neuer Arbeitsplätze dringend nötig seien.

Eine mikroökonomische Fundierung der Aussagen der VWL soll systematisch solche Trugschlüsse aus einzelwirtschaftlicher Sicht bestärken. Daher ist es wichtig, dass wir auf den Methoden von Saldenmechanik und Makroökonomie bestehen und die mikroökonomische Fundierung grundsätzlich ablehnen. Von einzelwirtschaftlichen Erfahrungen kommen wir nicht zu makroökonomischen Erkenntnissen, diskutieren Sie einmal mit einer schwäbischen Hausfrau.

Die einzelwirtschaftliche Sicht ist für die Gesamtwirtschaft fast immer falsch und begünstigt die für ein breites Publikum so einleuchtend und vernünftig klingenden Trugschlüsse. Ob nun eine Lohnsenkung mehr Arbeitsnachfrage bewirken oder den Gewinn steigern soll, es wird immer nur eine Seite betrachtet, also etwa die Löhne als Kosten und nicht als Quelle steigender Güternachfrage: Autos kaufen keine Autos und sogar wenn die Autos ins Ausland verkauft werden, kann nur die Binnennachfrage den Export über längere Zeiträume durch den Ausgleich der Handelsbilanz sichern. Sonst muss die Regierung eines Tages die Einnahmen der Exporteure durch die Rettung der Banken mit Steuergeldern finanzieren. Den Exporteuren ist das aus ihrer einzelwirtschaftlichen Sicht egal, so geht das überall weiter, jeder hat nur den eigenen Vorteil fest im Blick und hält sich deswegen noch für besonders schlau und gerissen.

Saldenmechanik könnte uns lehren, dass die einzelwirtschaftliche Sicht meist ganz falsch und zuletzt eine Dummheit ist.

Bisher in dieser Serie erschienen:
Keynes in einem Satz
Keynes hat die Produktionsfunktion umgedreht
Die Zerstörung von Kapital in der Krise
Wie Keynes die orthodoxe Ökonomie widerlegt hat
Die monetäre Konjunkturtheorie von Keynes
Etwas Saldenmechanik
Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie
Welche Schuld hat die VWL an unserer Krise?

 

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