Die unverstandene Welt der Banken (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung zu Teil 1 des Artikels.

  1. Refinanzierung durch die Zentralbank

An dieser Stelle mag man einwenden, dass die bisherige Darstellung die Notwendigkeit einer Refinanzierung durch die Zentralbank unterschlagen hat. Zwar sei richtig, dass Banken keine Einlagen brauchten, um Darlehen zu vergeben, aber Banken benötigten für die Darlehensvergabe notwendigerweise Geld von der Zentralbank. Damit sind wir bei These (2).

Die vorangegangene Darstellung, so könnte die Kritik lauten, unterschlägt (a) die gesetzlichen Mindestreserveverpflichtungen von Banken und (b) den Zahlungsausgleich zwischen den Banken.

Punkt (a) verpflichtet Banken, jedes Darlehen mit einer bestimmten Menge von Reserven zu unterlegen. Beträgt der gesetzliche Mindestreservesatz z.B. 100 Prozent, dann muss sich die Bank für die Vergabe eines Darlehens in Höhe von €2000 selbst bei der Zentralbank mit €2000 verschulden. In diesem Sinne kann man sagen, dass das Geld, das eine Bank an einen Darlehensnehmer ausreicht, letztlich von der Zentralbank kommt. Wenn die Mindestreserveverpflichtungen aber kleiner als 100 Prozent sind, dann lässt sich nur noch mit Berechtigung sagen, dass der entsprechende Prozentsatz von der Zentralbank kommt. Für den verbliebenen Rest gilt weiterhin, dass Banken mit der Darlehensvergabe Geld geschaffen haben. In Kanada, Schweden und Großbritannien gibt es gegenwärtig keine Mindestreservepflichten, und in der Eurozone beträgt der Mindestreservesatz 1 Prozent. Damit ist Punkt (a) für die ersten drei Länder widerlegt und in der Eurozone trifft er lediglich auf 1 Prozent der ausgereichten Kredite zu.

Punkt (b) ist eine notwendige Folge, wenn wir annehmen, dass Kunde X nun die €2000 an einen Autohändler überweist, der sein Konto bei einer anderen Bank B hat. Die Bilanzen der beiden Banken sehen dann wie folgt aus, wobei zu beachten ist, dass hier nur die Veränderungen auf der Aktiv- und Passivseite gezeigt werden, um die Darstellung übersichtlicher zu halten:

Tabelle 6: Bilanz der Bank A

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Tabelle 7: Bilanz der Bank B

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Nun ergibt sich ein Problem: Geschäftsbanken akzeptieren nämlich nicht das Giralgeld anderer Banken als Geld, sondern nur Zentralbankgeld, d.h. Bargeld und Reserven. Alle Geschäftsbanken eines Landes führen bei der für sie zuständigen Zentralbank Reservekonten, auf denen sie Einlagen halten und über die sie Überweisungen untereinander abwickeln. Die Guthaben der Banken bei der Zentralbank werden „Reserven“ genannt. Nur Banken haben über ihre Reservekonten direkten Zugang zu Reserven, Nichtbanken ist der Zugang zu den Reservekonten bei der Zentralbank verwehrt. Anders als manchmal dargestellt können Geschäftsbanken mithin auch keine Reserven an Nichtbanken verleihen.

Wo bekommt Bank A nun die Reserven her, die sie Bank B schuldet, aber nicht hat? Sie könnte sich u.a. auf dem Interbankenmarkt Reserven von anderen Banken leihen oder aber ihre Wertpapiere im Rahmen eines sog. Wertpapierpensionsgeschäfts für eine befristete Zeit an die Zentralbank verkaufen. Dabei verpflichtet sie sich, die Papiere nach einer bestimmten Zeit wieder zu einem festgelegten Preis zurückzukaufen. Nehmen wir an, Bank A wählt die zuletzt genannte Möglichkeit und besorgt sich auf diese Weise Reserven von der Zentralbank. Das wirkt sich wie folgt auf die Bilanzen der Bank A und der Zentralbank aus:

Tabelle 8: Bilanz der Bank A

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Tabelle 9: Bilanz der Zentralbank

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Mit den von der Zentralbank erhaltenen Reserven kann Bank A nun ihre Schulden bei Bank B begleichen (s. Hinweis Fußnote 1).

Tabelle 10: Bilanz der Bank A

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Tabelle 11: Bilanz der Bank B

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Damit ist der Zahlungsausgleich abgeschlossen. Die Bilanz der Bank A sieht am Ende des Tages so aus:

Tabelle 12: Bilanz der Bank A

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Die Bilanz der Bank B stellt sich – unter der Annahme, dass sie zuvor keinerlei Reserven hatte – folgendermaßen dar:

Tabelle 13: Bilanz der Bank B

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Abschließend noch die Bilanz der Zentralbank – unter der Annahme, dass sie zuvor keinerlei Wertpapiere von Banken angekauft hat:

Tabelle 14: Bilanz der Zentralbank

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Zeigt damit das hier grob skizzierte Verfahren des Zahlungsausgleichs, dass These (2) korrekt ist? Keineswegs. Zunächst einmal sollte deutlich sein, dass Zentralbankgeld (in Form von Reserven) lediglich gebraucht wird, wenn das durch die Darlehensvergabe geschaffene Geld an einen Dritten überwiesen wird, der sein Konto bei einer anderen Bank als der Darlehensnehmer hat. Wenn dagegen im Falle unseres Beispiels sowohl der Darlehensnehmer, der mit der Darlehenssumme ein Auto bezahlen möchte, als auch der Autoverkäufer sein Konto bei der gleichen Bank haben, dann werden keine Reserven benötigt. Richtig ist darüber hinaus auch nicht, dass jede Überweisung eines Kunden der einen Bank zu einem Kunden einer anderen Bank stets von einem entsprechenden Reservetransfer begleitet wird. Zum Zahlungsausgleich werden nur Reserven benötigt, wenn über einen bestimmten Zeitraum eine Bank an eine andere in der Summe mehr an Überweisungen tätigt, als die andere in entgegengesetzter Richtung. Oder anders ausgedrückt: Die beiden Banken ermitteln die Differenz im Zahlungsverkehr und gleichen nur diese über ihre Reservekonten bei der Zentralbank aus. Der „defizitären“ Bank werden Reserven abgezogen und der anderen Bank gutgeschrieben (vgl. dazu auch Ehnts 2015, S. 66ff).

These (2) greift daher zu kurz: Sie basiert auf einer (technisch) korrekten Analyse des Kreditvergabeprozesses und des Zahlungsausgleichs, überschätzt aber in ihren Schlussfolgerungen deutlich die Abhängigkeit der Banken von der Zentralbank. Der Handlungsspielraum der Geschäftsbanken (und damit ihre „Macht“) ist deutlich größer, als es in These (2) zum Ausdruck kommt.

  1. Banken als Geldschöpfer

Die bisherigen Ausführungen bestätigen den US-amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky in seiner Einschätzung, dass ein Darlehen einer Nichtbank nicht mit dem einer Bank vergleichbar ist: „Banks are important exactly because they do not operate under the constraint of a money lender – banks do not need to have money on hand in order to lend money“ (Minsky 1986, S. 249). (“Banken sind gerade deshalb von so großer Bedeutung, weil sie nicht der Restriktion eines Geldverleihers unterworfen sind – Banken benötigen vorab kein Geld, um Geld verleihen zu können.“)

Banken zeichnen sich dadurch aus, dass sie Geld auf der Grundlage eines Darlehensvertrags emittieren. Eine Bank kann folglich nur dann Geld schaffen, wenn ein Wirtschaftssubjekt bereit ist, sich bei ihr zu verschulden. Eine Bank kann aber nicht jedem Verschuldungswilligen einfach auf sein Verlangen hin Geld verschaffen. Der Gesetzgeber schreibt wie z.B. in Deutschland im Kreditwesengesetz vor, dass es einer Bank nur auf Basis von Sachwerten oder Finanzvermögen, das erwarten lässt, dass ein Verschuldungswilliger sein Darlehen auch bedienen kann, erlaubt ist, ein Darlehen auszureichen. Eine jede Darlehensvergabe setzt daher eine Bonitätsprüfung und Sicherheitenbewertung voraus (vgl. dazu im Kreditwesengesetz die § 18, 56, 112, 113 und 116).

Damit Investitionen getätigt werden können, ist es nicht erforderlich, dass irgendjemand auf gegenwärtigen Konsum verzichtet oder aber ein Geldbesitzer sich von bereits existierendem Geld trennt. Es ist daher auch nicht notwendig, zunächst Geldüberschüsse zu erwirtschaften, also zu sparen, um Investitionen zu ermöglichen. Mehr noch: Wie an anderer Stelle gezeigt worden ist, geht in einer monetär gesteuerten Wirtschaftsform nicht das Sparen dem Investitionsprozess voraus, sondern Investitionen schaffen umgekehrt Ersparnisse.

Die stark vereinfachte und schematische bilanzielle Darstellung der Darlehensvergabe in Abschnitt 2 dieses Beitrags bestätigt die Meinung von Vertretern der sog. „Theory of the Monetary Circuit“ wie etwa Alain Parguez und Mario Seccareccia (Parguez/Seccareccia 2000), dass durch Banken emittiertes Geld dadurch gekennzeichnet ist, dass es einen Kreislauf mit drei Phasen durchläuft, die sich wie folgt in den Bilanzen der Banken niederschlagen: In der ersten Phase – der Schaffung von Geld durch die Vergabe eines Darlehens – wird auf der Aktivseite der Bank ein Darlehen eingebucht und auf der Passivseite auf dem Girokonto des Darlehensnehmers eine betragsmäßig gleich hohe Gutschrift. In der zweiten Phase wird das so geschaffene Geld für den Kauf von Produktionsfaktoren verwendet. In der Bilanz der Banken schlägt sich das in einer Gutschrift des einen Kunden (des Verkäufers der Produktionsfaktoren) und einer betragsmäßig gleich hohen Lastschrift des anderen Kunden (des Darlehensnehmers und Investors) nieder (für den Fall, dass die beiden Wirtschaftssubjekte bei derselben Bank Kunde sind). In der dritten Phase schließlich kommt es zur Rückzahlung des Darlehens, was sich buchhalterisch in einer betragsmäßig gleichen Reduktion des ausstehenden Darlehensbetrags und des Guthabens des Darlehensnehmers niederschlägt. Um diesen Kreislauf aufrechtzuerhalten, muss daher aber wiederum irgendwo im System Geld geschöpft werden. Denn nur dann kann der Käufer die vom Darlehensnehmer/Investor produzierten Wirtschaftsgüter auch bezahlen und kann aus diesen Erlösen dann das Darlehen zurückbezahlt werden. Der Geldkreislauf wird damit aber unterbrochen, wenn keine Nachschuldner gefunden werden können.

Schon Georg Friedrich Knapp hatte erkannt, dass das Geldschöpfungsprivileg der Banken eine „große Begünstigung des Bankenwesens ist“. Da der Staat Giralgeld als Zahlungsmittel für Verbindlichkeiten gegenüber staatlichen Organisationen erlaubt, gibt er „den Inhabern von Bankaktien dadurch ein Mittel der Gewinnsteigerung in die Hand, dass er anderen Unternehmern schlechterdings verweigert“ (Knapp 1905, S. 124f).

Die Geldschöpfung von Banken durch die Darlehensvergabe ist aber nicht nur deshalb als problematisch zu erachten, weil Banken Gewinne erzielen können, die alleine auf ihr Geldschöpfungsprivileg zurückzuführen sind, sondern auch deshalb, weil dieses Geld nicht in seinem Bestand geschützt ist. Da das Giralgeld buchtechnisch eine Verbindlichkeit gegenüber dem Kunden ist, besteht die Gefahr, dass bei einem Konkurs der Bank das Giralgeld der Kunden vernichtet wird. Mit dem Konkurs einer ausreichend großen Anzahl von Banken ist damit aber das Zahlungssystem eines Landes insgesamt gefährdet.

Aus gutem Grund hat der Gesetzgeber daher Finanzaufsichtsbehörden etabliert, deren Aufgabe es ist, Kriterien der Darlehensvergabe zu formulieren und deren Einhaltung zu überwachen. In den letzten 30 Jahren aber hat der Staat diese Aufgabe zunehmend den Banken selbst oder Rating-Agenturen, die entweder von den Banken oder aber dem potenziellen Darlehensnehmer bezahlt werden, überlassen. Die unzureichende Regulierung des Bankenbereichs war dann auch eine der wesentlichen Ursachen der Finanzkrise von 2008 und der damit einhergehenden Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Verlusten.

 

Fußnoten:

1) Nur nebenbei sei hier erwähnt, dass Bank A auch Reserven für den Fall braucht, dass Kunde X seine Einlage bei Bank A (die durch die Kreditgewährung entstanden ist) in Bargeld umwandeln möchte. Reserven sind so gut wie Bargeld; sie können von den Geschäftsbanken jederzeit bei der nächstgelegenen Zweigstelle der Zentralbank gegen Bargeld getauscht werden.

 

Literatur:

Ehnts, D. (2015): Geld und Kredit: eine €-päische Perspektive, Marburg

Knapp, G.F. (1905): Staatliche Theorie des Geldes, München/Leipzig

McLeay, M./Radia, A./Thomas, R. (2014): Money creation in the modern economy, in: Quarterly Bulletin 2014 Q1, S.14-27; letzter Zugriff: 10.03.2015

Minsky, H. P. (1986): Stabilizing an Unstable Economy, New Haven and London

Parguez, A./Seccareccia, M. (2000): The credit theory of money: the monetary circuit approach, in: Smithin, J. (ed.), What is Money?, London/New York, S. 101-123

Wray, L. R. (2012): Modern Money Theory – A Primer on Macroeconomics for Sovereign Monetary Systems, New York

 

Paul Steinhardt hat an der Goethe Universität in Frankfurt und an der London School of Economics studiert und war bei verschiedenen deutschen Banken und deren Tochtergesellschaften tätig. Über die letzten fünf Jahre hat er an seiner Dissertation gearbeitet, die unter dem Titel „Was ist eigentlich eine Marktwirtschaft“ beim Metropolis-Verlag erscheinen wird.

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