Die Macht der Mächtigen, der Zins und der Lohn

Wenn man dieser Tage mit progressiven älteren Philosophen und Politikern diskutiert – von denen gibt es tatsächlich einige –, wird man immer wieder mit einer schwer zu widerlegenden und zutiefst pessimistischen Sicht der Welt konfrontiert. Sie sagen, Aufklärung ist im Grunde sinnlos, weil man gegen die Macht des Geldes, die zudem Tag für Tag größer wird, sowieso nicht ankommt. Alles können die Mächtigen kaufen, um ihre Interessen durchzusetzen: Die Politik traut sich nicht, ihnen entgegenzutreten, die Medien besitzen sie ohnehin schon, und die Öffentlichkeit ist, wie an den Wahlbeteiligungen zu sehen, abgestumpft und lässt sich nicht mehr in einer Weise mobilisieren, die ein Gegengewicht schaffen würde.

Wie gesagt, das ist schwer zu widerlegen, weil man Tag für Tag Beispiele dafür finden kann, die genau diese Sicht bestätigen. Und dennoch gibt es global und andauernd Phänomene, die diesem Pessimismus diametral entgegenstehen und die es zu verfolgen gilt, weil sie ein Zeichen dafür sind, dass noch lange nicht alles verloren ist.

Was ist das mit Abstand stärkste Instrument, das die Geldmächtigen haben, um immer noch mächtiger zu werden? Einfache Antwort: Der Zins. Wer zehn Millionen hat, bekommt bei einem Zins von zehn Prozent jedes Jahr eine Million dazu, ohne dass er (oder sie) dafür auch nur einen Finger krumm macht. Wer hundert Millionen Euro hat, braucht dafür nur Anleihen mit einer Rendite von zehn Prozent zu kaufen, und die Bank überweist ihm jeden Monat einen Betrag, der bei normalen Menschen für ein ganzes Erwerbsleben reicht.

Es ist aber „leider“ so, dass es Anleihen mit einer Rendite von zehn Prozent nur noch im Hochrisikosegment gibt, wo man auch leicht einmal seine ganze Anlage verlieren kann. Konnte man sich als reicher Erbe vor zwanzig Jahren noch ohne jede weitere Überlegung allein mit dem Kauf von Staatsanleihen eine sichere Rente in Millionenhöhe sichern, ist das heute so einfach nicht mehr.

Ja, das wichtigste Instrument, das die Reichen haben, um ihre Macht in die Unendlichkeit auszudehnen, zerfließt ihnen gerade unter den Händen. Der Zins verschwindet! Wie kann es sein, dass die Mächtigen dieser Welt praktisch alles im Griff haben, nur ihr Reichtums-Perpetuum-Mobile wird von den Notenbankern rund um den Globus gerade zerstört und sie müssen zähneknirschend zusehen?

Klar, im Moment können sich die Reichen noch damit trösten, das die Aktienkurse boomen und auch die meisten Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, noch gute Gewinne machen. Doch der Weltwirtschaft droht gerade eine neue Talfahrt, die dritte in den letzten fünf Jahren, und mehr und mehr beginnt man sich in aufgeklärten und in konservativen Kreisen zu fragen, was los ist mit einer Wirtschaft, wo die Unternehmen bombige Gewinne machen, aber offenkundig nicht genug investieren, um hohe Renditen auch für die Zukunft zu sichern.

Da kommt das zweite Moment ins Spiel, das nicht in das Bild der allmächtigen Superreichen passt. Weltweit diskutiert man plötzlich über Löhne. Aber nicht darüber, wie die Löhne der Arbeitnehmer noch weiter gedrückt werden können, sondern darüber, wie man das vor langer Zeit verstorbene Lohnwachstum wiederbeleben kann. Die Financial Times, sicher kein linkes Kampfblatt, brachte vergangene Woche einen ellenlangen Artikel zum Thema „pay pressure“, meinte aber erstaunlicherweise damit einen Anstieg der Löhne und nicht weiteren Druck auf die Löhne. Vielen in der internationalen Diskussion zumindest dämmert, was wir hier vom ersten Tage an gesagt haben, dass man nämlich ohne ein vernünftiges Lohnwachstum auch das ganze übrige Wachstum und positive Renditen bei den Unternehmen vergessen kann.

Es ist paradox, aber wahr: Die Macht der Geldmächtigen wird am Ende – und genau da sind wir heute – dadurch begrenzt, dass sie unfähig sind, alles selbst zu kaufen, was sie produzieren könnten. Weil sie ihre Macht über Jahrzehnte dazu genutzt haben, den Schwachen die Teilhabe am Erfolg zu verwehren, verwehrt ihnen das Marktsystem jetzt den finalen Erfolg. Kapital, das sich nicht rentiert, ist nicht viel wert in dieser Welt. Wenn es liquide ist, kann man es einmal verzehren, wenn es in Produktionskapital gebunden ist, verliert es mit dem Ende zunehmender Produktionsmöglichkeiten unheimlich schnell an Wert – auch deswegen, weil die Kapitalbesitzer alles tun werden, um sich gegenseitig die letzten Renditechancen abzujagen.

Das sind zwar, wie ich glaube, gute Argumente gegen den tief sitzenden Pessimismus, ob es schon Argumente sind, die fröhlichen Optimismus begründen können, ist eine ganz andere Frage. Alles wird darauf ankommen, den komplizierten Prozess, bei dem den Mächtigen die Macht wieder entwunden wird, in demokratischen Bahnen verlaufen zu lassen. Das aber ist nur möglich, wenn mehr und mehr Politiker, auch Konservative, zu begreifen beginnen, welche historische Aufgabe sie vor sich haben. Nur wenn sie in Zeiten von Nullzinsen und drohender Deflation verstehen, auf welche Weise mit den neoliberalen Weichenstellungen der vergangenen dreißig Jahre die Marktwirtschaft in eine Sackgasse gelenkt wurde, kann man darauf hoffen, dass es gegen die Macht der Mächtigen und für eine Rückkehr zur Vernunft demokratische Mehrheiten gibt. Aufklärung lohnt da allemal, auch wenn die Erfolge nicht täglich zu identifizieren sind.

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