Die Banken und ihre Kreditvergabe: Viel Theorie, wenig Empirie?

Einer unserer Leser wundert sich darüber, wie unterschiedlich die Funktionsweise der Banken – speziell ihre Kreditvergabe – in der entsprechenden Fachliteratur dargestellt wird. Was er zudem überhaupt nicht verstehe, sei, warum man nicht einfach einen Praxistest vornehme und versuche, die Streitfrage auf diese Weise beizulegen. Das Problem ist nach unserer Meinung nicht, dass es keine empirischen Belege für und gegen die unterschiedlichen Theorien gibt, sondern, dass man sich nicht mit der Bilanzierungs- und Kreditvergabepraxis von Banken beschäftigt und mithin die relevanten empirischen Evidenzen schlicht ignoriert. Sobald man sich damit befasst, fragt man sich dann allerdings, warum es noch immer so viele unterschiedliche Theorien zur Kreditvergabe von Banken gibt.

  1. Die Theorien

Unser Leser nennt drei unterschiedliche Theorien zur Kreditvergabe der Banken, die miteinander im Wettstreit stehen und die im Folgenden knapp skizziert werden (eine hervorragende Darstellung findet sich bei Werner 2014):

a) Die Finanzintermediations-Theorie sieht Banken als reine Intermediäre, die Einlagen einwerben, die sie dann an Kreditnehmer ausleihen. So stellen etwa Krugman/Obstfeld bezüglich der Einleger der Banken fest: „Die Banken verwenden deren Einlagen für die Vergabe von Krediten und den Erwerb anderer Vermögenswerte“ (Krugman/Obstfeld 2009, S. 787). In zugespitzter Form findet sich diese Sichtweise auch in der bekannten (nicht ganz ernst gemeinten) „3-6-3-Regel“, nach der Bankmanager arbeiten sollten: Leih dir das Geld morgens zu 3 Prozent, verleih es mittags zu 6 Prozent und sieh zu, dass du um 3 Uhr nachmittags auf dem Golfplatz bist.

b) Die Theorie der partiellen Reservehaltung („fractional reserve theory“) betrachtet jede einzelne Bank gleichfalls als bloßen Finanzintermediär, der nicht über die Fähigkeit verfüge, Geld zu schaffen. Jedoch könnten die Banken aufgrund ihrer Beziehungen untereinander die Geldmenge vervielfachen (vgl. z.B. Mankiw 2004, S. 688ff oder Samuelson/Nordhaus 2010, S. 464ff). In dieser Sicht benötigt eine Bank, bevor sie ein Darlehen geben kann, zuerst Reserven (das sind Guthaben bei der Zentralbank, also elektronisches Zentralbankgeld, und Bargeld in den Tresorräumen der Banken), von denen sie einen kleinen Teil bei der Zentralbank hinterlegt. Sie kann dann im Umfang ihrer Überschussreserven, d.h. ihrer frei verfügbaren Reserven, Kredite gewähren. Das Bankensystem insgesamt wandelt eine ursprüngliche Reservenaufstockung (also jeden Euro an neuen Reserven, der einer Bank zufließt), in ein Mehrfaches an neuen Einlagen um. Möglich werde dies durch das Wirken des sog. „Geldschöpfungsmultiplikators“, der Veränderungen in der Geldbasis (der Summe aus den Einlagen bei der Zentralbank und dem Bargeld, das die Zentralbank in Umlauf gebracht hat) in Veränderungen der Geldmenge übertrage. Ein Geldschöpfungsmultiplikator von z.B. 10 bedeute, dass die Banken insgesamt aus jeder zusätzlichen Geldeinheit an Reserven, die dem Bankensystem zugeführt werde, schlussendlich zehn Geldeinheiten an zusätzlichen Einlagen „schöpften“ – damit sei die Obergrenze erreicht.[1]

c) Die Kreditschöpfungstheorie („credit creation theory of banking“) geht demgegenüber nicht davon aus, dass die Banken vor der Darlehensvergabe über Geld verfügen müssen (also über vorherige Bankeinlagen, vorherige Guthaben bei der Zentralbank oder Bargeld im Tresor). Die einzelnen Banken sind nach dieser Theorie keine bloßen Finanzintermediäre, die bei der Kreditvergabe Bankeinlagen oder Reserven von der Zentralbank weiterreichen; vielmehr wird nach dieser Theorie bei der Kreditvergabe in actu Geld geschaffen. Das geschieht, indem eine Bank einerseits gegenüber dem Kreditnehmer den Kredit als Forderung in ihre Bilanz einstellt und ihm andererseits auf seinem Konto bei ihr ein Giroguthaben einbucht. Wie dies technisch abläuft, haben wir in einem früheren Beitrag (in stark vereinfachter Form) zu erklären versucht (vgl. hier und hier). Aus diesem Beitrag geht auch hervor, dass wir die Kreditschöpfungsthese als die richtige Theorie ansehen.

Die empirische Evidenz

Wir haben in der Vergangenheit mehrfach die Vorstellung kritisiert, dass Banken zur Kreditvergabe auf Zentralbankgeld (Reserven und Bargeld) angewiesen sind (vgl. z.B. Grunert 2013). Tatsächlich ist in der realen Welt die Kreditvergabe der Banken nie durch einen Mangel an Zentralbankgeld beschränkt. Banken müssen sich nicht vorab von Kunden oder von der Zentralbank Geld beschaffen, damit sie ein Darlehen gewähren können. Vielmehr vergeben sie Kredite an alle Kunden, die sie finden können und als kreditwürdig erachten. Der Reservebestand spielt bei der Entscheidung über die Vergabe eines Kredits keine Rolle.

Kein Kreditsachbearbeiter würde je auf die Idee kommen, zuerst zu prüfen, ob seine Bank über genügend Reserven verfügt, die es ihm erlauben, einen bestimmten Kredit zu genehmigen. Eine separate Abteilung in jeder Bank kümmert sich darum, dass ausreichend Reserven vorhanden sind, um insbesondere den sogenannten Zahlungsausgleich zu ermöglichen. Denn hat eine Bank an eine andere mehr Geld überwiesen als umgekehrt, dann akzeptiert die Bank als Zahlungsmittel nur Zentralbankgeld (d.h. die Differenz im Zahlungsverkehr wird in Reserven übertragen; dies geschieht über die Konten der beiden Banken bei der Zentralbank).

Die Banken wissen, dass sie sich, sofern sie knapp an Reserven sind, diese auf dem Interbankenmarkt von anderen Banken oder – wenn dies nicht möglich ist – bei der Zentralbank leihen können. Die Zentralbank kann den Banken nicht einfach ihren „Kredithahn zudrehen“, sondern muss die Nachfrage nach Reserven für den Großteil ihrer Banken stets erfüllen, wenn sie nicht massive Krisen im Finanzsystem riskieren will, die ihrem Mandat der Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs widersprechen.

Das Konzept des Geldschöpfungsmultiplikators ist aber schon allein deshalb nicht haltbar, weil es unterstellt, dass die Geschäftsbanken ihre Reserven an Unternehmen und private Haushalte (weiter-) verleihen können. Tatsächlich jedoch unterhalten Unternehmen und Haushalte gar keine Konten bei der Zentralbank und Kredite werden im Regelfall nicht in bar ausgezahlt. Dirk Ehnts stellt in seinem sehr empfehlenswerten Buch mit Recht fest: „Es gibt keine Schnittstelle zwischen Konten bei der Zentralbank und Konten bei den Banken, daher können Banken ihre Einlagen in der Zentralbank nicht an Haushalte und Unternehmen transferieren“ (Ehnts 2015, S. 120). Reserven werden nur zwischen Banken verliehen; private Haushalte und Unternehmen haben keinen Zugang zu den Reservekonten bei der Zentralbank (vgl. auch McLeay et al. 2014, S. 16).

Wenn Theorie (a) und (b) richtig wären, dann würde eine jede Kreditvergabe lediglich zu einem Aktivtausch führen. Eine Bank hätte zunächst Geld als Vermögenswert in ihrer Bilanz und nach Auszahlung des Kredits stattdessen eine Forderung gegenüber dem Kreditnehmer.

Zu prüfen ist also, ob die Kreditvergabe zu Zahlungsströmen von Zentralbankgeld führte. Sollte das Ergebnis sein, dass die Bank in der Lage war, ihrem Kunden Guthaben auf seinem Girokonto gutzuschreiben, ohne Zentralbankgeld von irgendeinem anderen internen oder externen Konto abgebucht zu haben bzw. ohne das Zentralbankgeld von einer anderen Quelle zu transferieren, würde dies belegen, dass die Bank die Kreditsumme „aus dem Nichts“ erzeugen konnte, also Geld schafft, indem sie gleichzeitig eine Forderung (Kreditvertrag) und eine Verbindlichkeit (Guthaben auf Girokonto) gegenüber dem Kunden verbucht.

Eine empirische Untersuchung der Buchhaltungspraxis wurde erstmalig im August 2013 von Richard Werner, Professor für Bankwesen in Southampton, durchgeführt (Werner 2014). Die empirische Prüfung erfolgte in Form des Abschlusses eines Kreditvertrages bei der in einer kleinen Stadt Niederbayerns gelegenen Raiffeisenbank Wildenberg e.G.[2] Der Forscher nahm dort persönlich einen Kredit über 200 000 Euro auf; die kreditvergebende Bank legte ihre relevante interne Buchhaltung resp. die übliche interne Vorgehensweise ihres Kreditvergabeverfahrens offen.[3] In einer schriftlichen Vereinbarung wurde festgehalten, dass die geplanten Transaktionen Teil eines wissenschaftlichen empirischen Tests seien und der Kredit unmittelbar nach Beendigung der Untersuchung zu tilgen sei.

Zu welchen Ergebnissen führte der empirische Test? Zunächst einmal ist interessant, dass kein Bankmitarbeiter vor der Unterzeichnung des Kreditvertrages und der Bereitstellung der Geldmittel für den Kreditnehmer die Reserveguthaben der Bank überprüfte. Gleichzeitig gab es keinen Beleg, dass die Reserven in einer dem aufgenommenen Kredit entsprechenden Höhe abgenommen hätten. Dies widerspricht eindeutig der Geldschöpfungsmultiplikator-Theorie, nach der eine Bank vor einer Kreditvergabe zunächst ihre verfügbaren Überschussreserven prüfen und bei einer Kreditgewährung ihre Reserveguthaben entsprechend reduzieren muss.

Insgesamt zeigte die empirische Untersuchung, dass die Bank im Prozess der Bereitstellung von Geld auf dem Bankkonto des Kreditnehmers das Geld nicht von anderen internen oder externen Konten transferierte, also keine Überweisungen oder Kontodispositionen vornahm, um die Kreditsumme auf dem Konto des Kreditnehmers zu „finanzieren“. Wie die Raiffeisenbank in Wildenberg in einem Schreiben an R. Werner ausdrücklich bestätigte, habe sie „keinerlei Prüfungen oder Handlungen vorgenommen um Liquidität bereit zu stellen“.

Dies heißt nichts anderes, als dass sowohl die Finanzintermeditations-Theorie als auch die Theorie der partiellen Reservehaltung empirisch widerlegt wurden. Stattdessen zeigte sich, dass die Bank tatsächlich die Geldmittel neu „schuf“, indem sie dem Kreditnehmer den gewährten Geldbetrag auf dessen Girokonto als Einlage gutschrieb, obwohl niemand vorab eine solche Einlage getätigt hatte. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der auch von uns vertretenen Kreditschöpfungstheorie: Die einzelnen Banken verleihen kein bereits existierendes Geld, sondern schaffen neues Geld „aus dem Nichts“.

Literatur

Ehnts, D. (2015): Geld und Kredit: Eine €-päische Perspektive, Marburg

Grunert, G. (2013): Eurokrise und kein Ende – Spanien im freien Fall, NachDenkSeiten, 15. Januar; letzter Zugriff: 04.02.2016

Krugman, P.R./Obstfeld, M. (2009): Internationale Wirtschaft – Theorie und Politik der Außenwirtschaft (8., aktualisierte Auflage), München

Mankiw, N.G. (2004): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart

McLeay, M./Radia, A./Thomas, R. (2014): Money creation in the modern economy, in: Quarterly Bulletin 2014 Q1, S.14-27; letzter Zugriff: 04.02.2016

Samuelson, P.A./Nordhaus, W.D. (2010): Economics, Nineteenth Edition, Boston

Werner, R.A. (2014): Can banks individually create money out of nothing? – The theories and the empirical evidence, in: International Review of Financial Analysis 36, S. 1-19; letzter Zugriff: 04.02.2016

[1] Zur Verdeutlichung des Prinzips wird in vielen Lehrbüchern die Geschichte einer Person erzählt, die in eine Bank 1 geht und dort 100 Euro einzahlt. Von diesen 100 Euro hinterlegt Bank 1 z.B. 10 Prozent, also 10 Euro, bei der Zentralbank als Mindestreserve und verleiht den Rest an einen Kunden A, der mit den geliehenen 90 Euro etwas von Person B kauft, die ihr Konto bei der Bank 2 unterhält. Bank 1 (die Bank des Kunden A) überweist die Kreditsumme auf das Konto der Person B bei Bank 2. Bei Bank 2 führt dies dazu, dass sich auf der einen Seite ihre Kundeneinlagen erhöhen und auf der anderen Seite ihre eigenen Zentralbankguthaben. Bank 2 nutzt diese Guthaben, um ihrerseits einen Kredit an Person C zu vergeben, allerdings nur in Höhe von 81 Euro, da sie 9 Euro als Mindestreserve hinterlegt. In gleicher Weise wandern dann Einlagen und Zentralbankguthaben von 81 Euro an Bank 3, die davon wiederum 10 Prozent, also 8,10 Euro, als Mindestreserve hält und einen Kredit von 72,90 Euro vergibt. Dieser Prozess geht so weiter. In diesem Beispiel (mit einem Geldschöpfungsmultiplikator von 10) kann aus den 100 Euro an ursprünglichen Einlagen am Ende ein Geldbetrag von 1000 Euro geschöpft werden.

[2] Größere Banken lehnten u.a. mit der Begründung, dass die erforderliche Offenlegung der Daten der internen Buchhaltung das Bankgeheimnis oder die IT-Sicherheitsregeln verletzen würde, eine Teilnahme an dem Experiment ab. Dass die Wahl deshalb auf eine kleine Bank fiel, ist jedoch kein Nachteil, da die notwendige Identifizierung der (im Folgenden beschriebenen) Transaktion im Rahmen des empirischen Tests in einer kleineren Bank aufgrund der insgesamt geringeren Zahl täglicher Transaktionen leichter möglich ist. Zudem sind alle Banken in der EU an die gleichen europäischen Bankvorschriften gebunden, so dass die Ergebnisse repräsentativ sind.

[3] In einer Erweiterung des Experiments wurde die Kreditsumme auf ein anderes Konto des Forschers bei einer anderen Bank überwiesen. Diese Überweisung kam problemlos zustande, was zeigte, dass die Kreditsumme für reale Überweisungen verwendbar war.

PrintFriendly and PDFdruckenPDF