Deutschland braucht den Euro oder eine völlig andere wirtschaftspolitische Strategie – die Anti-Euro Partei findet aber keinen neuen Weg

Die neue, mit vielen Ökonomen als Gründern bestückte Partei, die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wirbt mit einem einfachen Slogan: „Deutschland braucht den Euro nicht. Anderen Ländern schadet der Euro.“

Das ist eine steile These, da Deutschland, wie wir vielfach gezeigt haben, extrem abhängig vom Außenhandel ist und der Euro mit seinen schwachen Mitgliedsländern für Deutschland wie ein Schutzschirm gegen eine allfällige Aufwertung gewirkt hat. Wer einen Augenblick darüber nachdenkt, wird schnell feststellen, dass eine Partei, die mit einem solchen Slogan wirbt, eine äußerst krude ökonomische Theorie vertreten muss.

Deutschland ist wie kein anderes größeres Land der Erde vom Export abhängig und hat unter dem Schutz des Euro eine Politik der aggressiven Exportexpansion betrieben, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Der Anteil der Exporte ist in der Zeit des Euro, also von 1999 bis 2012, von etwas über dreißig Prozent am BIP auf über fünfzig Prozent gestiegen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die deutsche Wirtschaft in den letzten fünfzehn Jahren in einem Maße von ihrem Exportüberschuss gelebt hat, wie das unter den Bedingungen einer nationalen Währung (dahin will diese Partei ja zurück) niemals möglich gewesen wäre.

International, also in den G 20 und anderen Gremien, wäre Deutschland in etwa der gleichen Weise wie China unter Druck geraten, seine Währung aufzuwerten oder eine Politik zu treiben, die mehr binnenwirtschaftlich orientiert ist. Wohlgemerkt, Deutschland wäre dann unter Druck von Ländern wie den USA gekommen, die nicht abhängig von deutschen Krediten sind oder sich in irgendeiner anderen Weise verpflichtet fühlen, Rücksicht auf Deutschland zu nehmen. Deutschland konnte sich dem Druck der internationalen Gemeinschaft hinsichtlich seiner Exportstrategie sowieso lange Zeit nur dadurch entziehen, dass es auf die ausgeglichene Bilanz des gesamten Euroraumes, folglich auch auf die Defizite in der Leistungsbilanz der anderen, verwies. China hat sich übrigens diesem Druck, der ja auch mit konkreten Handelssanktionen verstärkt werden kann, dadurch entzogen, dass es für Lohnsteigerungen zuhause sorgte, die zu einem enormen Importsog führten und den Leistungsbilanzüberschuss erheblich verringerten.

Nun kann man eine binnenmarktorientierte Strategie ja für vernünftig halten und deswegen zu einer nationalen Währung zurückkehren. Dagegen, dass man das will, spricht aber der zweite Teil des Slogans. Den anderen Ländern hat der Euro tatsächlich geschadet, aber vor allem wegen der deutschen Exportexpansion unter dem Deckmantel der Währungsunion. Ein Deutschland, das vorwiegend auf seinen Binnenmarkt setzt, statt mit Lohndumping andere an die Wand zu drängen, war ja genau die Vorstellung, mit den die meisten anderen Europäer in die Währungsunion gegangen sind. Und viele Länder hatten ihre Wechselkurse ja schon lange vorher an die D-Mark gebunden (Frankreich seit 1987) oder konvergierten konsequent hin zum deutschen Inflationsmodell, ohne in gewaltige Probleme beim Export zu geraten.

Warum haben viele Länder schon bald nach dem Ende des internationalen Währungssystems von Bretton Woods eine feste Bindung an die D-Mark und später die Währungsunion mit dem Euro gewählt? Nun, weil die meisten Länder wussten oder zumindest geahnt haben, dass man den Wechselkurs der eigenen Währung nicht einfach dem Markt überlassen kann, weil man sonst in massiven Fehlbewertungen endet und zum Spielball der internationalen Spekulation mit Währungen wird. Nicht umsonst wird seit einigen Jahren gerade von Entwicklungs-und Schwellenländern geklagt, es gebe einen Währungskrieg, und nicht umsonst sind viele Währungskrisen der letzten zwanzig Jahre gerade bei flexiblen Wechselkursen passiert (Island, Ungarn, Brasilien und andere Länder, die vom sogenannten carry trade, also der Spekulation mit Zinsdifferenzen, in eine eindeutig nachweisbare Überbewertung getrieben wurden). Insofern hat der Euro zunächst nicht geschadet, sondern enorm geholfen.

Dass der Euro missbraucht würde ausgerechnet von dem Land, an das sich die anderen in Sachen Inflation anpassen wollten, konnte man vorher nicht ahnen. Auch konnte man nicht ahnen, dass das gleiche Land als Überschussland und als Gläubiger der anderen seine Position dazu missbrauchen würde, Austerität inmitten einer Krise zu predigen und durchzusetzen. Man hätte als vernünftiger Mensch mit Kenntnis über die weltweiten Währungskrisen darauf setzen können, dass aus den negativen Erfahrungen des Internationalen Währungsfonds mit Austeritätsprogrammen in Entwicklungsländern etwas gelernt worden ist, und dass diese nicht mitten in Europa in verschärfter Form (nämlich verschärft durch Lohnkürzungen) umgesetzt werden.

Ja, heute schadet der Euro vielen Ländern, weil die Vorteile einer Mitgliedschaft in der Währungsunion bei weitem nicht mehr aufgewogen werden von den Nachteilen, die durch die deutsche Expansionsstrategie zuerst und die Anpassungsstrategie zuletzt entstehen. Deutschland hat, verglichen mit einer vernünftigen wirtschaftspolitischen Strategie nicht sehr vom Euro profitiert, es hat sich aber durch seine Lohnsenkungsstrategie in sklavische Abhängigkeit vom Euro begeben. Steigt es jetzt aus, würde die neue deutsche Währung massiv aufgewertet und die deutsche Industrie würde einer Schrumpfungskur unterzogen, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Die Arbeitslosigkeit würde ungeahnte Höhen erreichen und Deutschland müsste versuchen, sich auf der Basis einer florierenden Binnenkonjunktur (was heißt, mit deutlich steigenden Reallöhnen) über viele Jahre ganz neu erfinden.

Wer heute so tut, als würde sich Deutschland mit einer eigenen Währung ohne große Kosten einfach in ein Schneckenhaus zurückziehen und weitgehend friktionslos eine rein binnenwirtschaftliche Strategie verfolgen können, belügt die Wähler genauso wie der, der so tut, als hätten die anderen alles falsch und nur Deutschland alles richtig gemacht. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich vermutlich das Spektrum dieser neuen Partei. Wenn aber schon die Pole nicht stimmen, kann auch das, was dazwischen liegt, nicht überzeugend sein.

 

 

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