Deutsche Bundesbank: Jahrelang verantwortungsbewusste Lohnpolitik, aber jetzt das Ende der Bescheidenheit?

Viele unserer Leser haben vorgestern nicht schlecht gestaunt, als sie in Spiegel-Online lasen, dass nun die Deutsche Bundesbank auch zu denen gehört, die höhere Lohnabschlüsse fordern. Einer schrieb: „Bundesbank goes Heiner Flassbeck“. Doch gemach, in dem Artikel, der vorgestern im SPIEGEL erschienen ist, sagt der Chefökonom der Bundesbank Jens Ulbrich, jahrelang hätten die Tarifpartner „verantwortungsbewusst Lohnzurückhaltung“ geübt, und nimmt gleichzeitig für die Argumentation seines Arbeitgebers in Anspruch, „symmetrisch und konsistent“ im Zeitablauf zu sein. Es seien normale Anpassungsprozesse in einer Währungsunion, dass in einem Land, in dem die Löhne über Jahre wenig gestiegen seien, danach schneller stiegen als im Rest der Währungsunion. Da wird es von der Sache her schon wieder äußert problematisch – und zudem inkonsistent.

Zunächst ist aber zu begrüßen, dass die Deutsche Bundesbank endlich den unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Löhnen (bzw. Lohnstückkostenzuwächsen) und Preisen (Inflationsraten) zur Kenntnis nimmt (Abbildung 1), ohne den die ganze Debatte sowieso nicht weit führt. Das aber hat logische Konsequenzen.

Abbildung 1

Infl LStK intnat

Wenn man weiß, dass die Entwicklung der Lohnstückkosten über den Zeitraum von einigen Jahren bis hin zu einigen Jahrzehnten entscheidend für die Inflationsentwicklung ist, kann man konsequenterweise nur dafür eintreten, dass sich die Löhne in allen Mitgliedsländern einer Währungsunion immer an der nationalen Produktivitätsentwicklung plus dem gemeinsam festgelegten Inflationsziel orientieren. Fest verankerte Inflationserwartungen, wie die Notenbanker das gerne nennen, verlangen genau diese Anpassungsregel (die wir die goldene Lohnregel nennen). Jetzt sagt auch die Deutsche Bundesbank laut SPIEGEL, dass Lohnsteigerungen, die sich am Inflationsziel und am Produktivitätsfortschritt orientierten, „Ausdruck fest verankerter Inflationserwartungen“ seien.

Offenbar folgt aus dieser Regel, dass die Lohnstückkosten immer genau dem Inflationsziel folgen sollten. Hätte die Deutsche Bundesbank das zu Beginn der Europäischen Währungsunion (EWU) gewusst (oder zu wissen gewagt), wäre sie mir sofort zur Seite gesprungen, als ich damals in Brüssel davor warnte, dass das deutsche Unterschießen bei den Lohnstückkosten gefährliche Folgen für die EWU haben würde. Das hat die Bundesbank aber nicht getan. Stattdessen haben ihre Vertreter vor und hinter den Kulissen dagegen protestiert, die Löhne überhaupt in Verbindung mit den Preisen zu bringen, weil Löhne ja Marktergebnisse seien, die sich nur aus den Angebots- und Nachfrageverhältnissen am Arbeitsmarkt ableiteten.

Abbildung 2

Abb 4 LStK EWU

Verantwortungsvoll kann folglich die deutsche Lohnpolitik in den ersten zehn Jahren der EWU aus der nun offenbar neu gewonnenen Einsicht der Notenbanker nicht gewesen sein, sondern sie war eindeutig verantwortungslos, weil sie sich (anders als im absolut vorbildlichen Frankreich, vgl. die blaue Linie in Abbildung 2) ja gerade nicht an dem von der Notenbank anzustrebenden Anker orientierte. Diese eindeutig negative Einordnung der deutschen Lohnpolitik ist absolut zwingend, wenn man als Mitarbeiter der Notenbank explizit sagt (wieder zitiert nach SPIEGEL): „Unser Beurteilungsmaßstab als Notenbank ist einzig die Preisstabilität.“

Die exakt umgekehrte Einordnung der deutschen Lohnpolitik als „verantwortungsbewusste Lohnzurückhaltung“, auf die der Mitarbeiter der Bundesbank abstellt, soll sich wohl darauf beziehen, dass in den schlechten konjunkturellen Zeiten zu Anfang der 2000er Jahre die Löhne weniger gestiegen sind, während sie jetzt – in den Zeiten der guten Konjunktur – gemäß dem Verteilungsspielraum steigen dürfen. Aber auch das ist mit dem Ziel der Preisstabilität, wie die Europäische Zentralbank (EZB) und die Deutsche Bundesbank es definieren, nicht vereinbar, und deswegen ist die von der Bundesbank jetzt vertretene Position inkonsistent.

Denn eine in diesem (neoklassisch am Arbeitsmarkt orientierten) Sinne verantwortungsbewusste Lohnpolitik hätte ja dann in allen Ländern der Währungsunion, in denen die Arbeitslosigkeit hoch war (in Frankreich und Italien war Anfang der 2000er Jahre die Arbeitslosigkeit fast genau gleich hoch wie in Deutschland), heißen müssen, weit unterhalb der verteilungsneutralen Linie zu bleiben. Wenn aber die Lohnstückkosten von Anfang der EWU an in allen großen Mitgliedsländern diese Linie unterboten hätten, hätte die EZB (und die ihr unterstellte Bundesbank) ihr Inflationsziel niemals erreicht. Mit anderen Worten, das Inflationsziel wurde im Durchschnitt aller EWU-Länder nur so gut erreicht, weil es neben der nach dieser Position „verantwortungsbewussten Lohnpolitik in Deutschland“ jede Menge (wiederum in diesem Sinne) „verantwortungslose Lohnpolitik“ in anderen europäischen Ländern gegeben hat. Auch da hätte die Bundesbank früh auf die Barrikaden gehen müssen, um das anzuprangern.

Das aber konnte sie nicht, weil ja sonst das ganze Konzept der „Verankerung“ von Inflationserwartungen, das die EZB und die Bundesbank so vehement vertreten, keinen Sinn gemacht hätte. Denn wenn die Lohnpolitik mit den Nominallöhnen auf die Arbeitslosigkeit reagieren soll (also verantwortungsbewusst im Sinne der neoklassischen Theorie sein soll, also Lohnzurückhaltung bei hoher Arbeitslosigkeit üben soll und umgekehrt), kann sie nicht gleichzeitig die Lohnstückkosten auf dem Inflationspfad halten, denn der impliziert ja die Einhaltung der goldenen Lohnregel, die eben nicht auf die Beschäftigungssituation am Arbeitsmarkt reagiert. Hätten also Deutschland, Frankreich und Italien den deutschen Lohnpfad aus Abbildung 2 realisiert, hätte die EZB von Beginn der EWU an mit Nullzinsen Deflationsgefahren bekämpfen müssen. Zudem, je mehr Länder dem neoklassischen Konzept folgen, umso wahrscheinlicher ist, dass nach einem Anpassungszeitraum von ein paar Jahren die Lohnstückkostenzuwächse wieder genau den Preissteigerungen entsprechen (weil im Wettbewerb die Preise den sinkenden Lohnstückkosten folgen), was heißt, dass am Ende gar keine neoklassische Lohnzurückhaltung zustande gekommen ist, sondern nur eine Unterschreitung des Preisziels.

Das zeigt einen einfachen Zusammenhang. Man kann an die neoklassische Arbeitsmarkttheorie (eine positive Wirkung von Lohnzurückhaltung auf die Arbeitslosigkeit) glauben, dann muss man aber die Fakten (den Zusammenhang von Lohnstückkosten und Preisen) ignorieren. Man kann die Fakten respektieren, dann kann man aber die neoklassische Arbeitsmarkttheorie nicht mehr vertreten, ohne inkonsistent zu werden. Danke, liebe Bundesbankmitarbeiter, dass ihr uns das noch einmal so schön vor Augen geführt habt!

P.S.: Wer symmetrisch argumentieren möchte, muss übrigens auch bei der neoklassischen Position dafür plädieren, dass jetzt in Deutschland die Löhne viele Jahre oberhalb der verteilungsneutralen Linie steigen. Denn wenn Lohnzurückhaltung empfohlen wird bei hoher Arbeitslosigkeit (also Lohnsteigerungen unterhalb der verteilungsneutralen Linie), muss man Lohnaufholen empfehlen bei geringer Arbeitslosigkeit. Tut man das nicht, empfiehlt man eine permanent sinkende Lohnquote. Das ist aber keine Arbeitsmarkttheorie mehr, sondern eine Verelendungstheorie.

 

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