Den Zins haben die Deutschen schon verloren, nun verlieren sie auch noch den Verstand – allgemeiner Medien-Schwachsinn zu Zins, Sparen und Rente

Kennen Sie das Gefühl, wenn ein Analphabet versucht, einem die Rechtschreibung zu erklären? Oder wenn einer, der zwei linke Beine hat, einem exzellenten Fußballer „erklärt“, wie er die Flanke hätte schlagen müssen, damit es eine Torchance gegeben hätte. Fremdschämen ist der gebräuchliche Ausdruck dafür, aber das trifft es noch nicht richtig. Man möchte sofort und für immer im Boden versinken.

„Ohne Zins und Verstand“, nennt der Spiegel in dieser Woche seine Titelgeschichte (online gibt es ein kurzes Stück dazu, hier, das aber die totale Konfusion schon andeutet) und er hat vollkommen Recht: Zins gibt es sowieso keinen und dass man ohne jeden Verstand viele Seiten darüber füllen kann, das hat dieses Magazin gerade bewiesen! Auch das Interview, das man mit zwei Ökonomen dazu führt, zeigt, dass es entweder wirklich eine babylonische Sprach- und Denkverwirrung gibt oder aber die panische Angst davor, der schwäbischen Hausfrau endlich so Paroli zu bieten wie sie es verdient. Der makroökonomische Analphabetismus feiert jedenfalls fröhliche Urständ.

Aber der Spiegel ist keineswegs allein. Ein Leser hat für uns die wichtigsten Aussagen der letzten Talkshow von Sandra Maischberger zusammengestellt, wo sich mehrere Ökonomen trafen, um über Flüchtlinge und den Sozialstaat zu reden (kann man hier anschauen, wenn man es sich antun will). Auch das kann nur unter allgemeiner und totaler Verwirrung verbucht werden.

Werner Vontobel weist darauf hin, dass die Neue Züricher Zeitung (NZZ) nicht nur nichts von Volkswirtschaft versteht, sondern dass sie diese Kategorie des Denkens gar nicht kennt. Er gibt ein Beispiel (hier): In einem Kommentar zum Überschuss in der Haushaltsrechnung des Bundes in der Schweiz heißt es: „Die Schuldenbremse ist einzuhalten. Wenn sich dabei Überschüsse ergeben, ist dies willkommen. Immer noch schiebt der Bund einen Schuldenberg von über 100 Milliarden Franken vor sich her – Geld, das er früher zu viel ausgegeben hat. … Solange die Eidgenossenschaft ihre Schulden nicht abgestottert hat, sind Überschüsse keineswegs anrüchig.“ Die Schweiz, ein Land mit einem gewaltigen Überschuss in der Leistungsbilanz, muss „Staatsschulden abstottern“, das fasst man sich an den Kopf. Werden in dieser Zeit dann auch die gesamten angesammelten Ersparnisse „abgestottert“ oder was macht man damit, wenn der Staat endlich keine Schulden mehr hat?

Am tollsten ist es bei der Rente (wieder zum Beispiel bei Spiegel-online, hier). Dass die Riester-Rente ein Flop war, ist jetzt ganz schnell Gemeingut geworden. Doch warum sie wirklich gescheitert ist, hat auch fast fünfzehn Jahre danach noch niemand verstanden. Wäre es anders, würde man wohl nicht so lächerliche Vorschläge machen wie einen „Schäuble-Bond“ (Peter Bofinger, auch im Spiegel dieser Woche) oder eine Deutschlandrente. Ein Abteilungsleiter des DIW (das ist das Institut in Berlin, wo man einst das gesamtwirtschaftliche Denken pflegte!) findet die Idee einer Deutschlandrente gar „pfiffig“ (hier, wir haben uns hier damit auseinandergesetzt).

Alle diese Kommentare scheinen nach dem Motto geschrieben: Bloß keine Verbindung herstellen zwischen dem Zins auf der einen Seite und dem Sparen, also der Sparquote der privaten Haushalte, dem Sparen der deutschen Unternehmen, der schwarzen Null des Staates und dem Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz auf der anderen Seite. Wer das nämlich tut, ist des Teufels und wird für alle Zeit verbannt von allen Versammlungen deutscher Versicherungsvertreter, wo es die höchsten Honorare und die besten kalten Buffets gibt.

Also wird selbst jetzt Ansparen für die Rente empfohlen. Wohlgemerkt, jetzt ist die Zeit, wo angesichts der Nullzinsen jede Form von Kapitaldeckung von vorneherein sinnlos ist, wo der Versuch aller deutschen Sektoren, zu Nettosparern zu werden, national und international gerade in Form von Nullzinsen und einer unlösbaren Eurokrise vor die Wand läuft. Ist das kollektiver Wahnsinn oder kollektive Dummheit oder eine fatale Verbindung von beidem? Ich weiß es nicht.

Ich verweise auf das, was wir vor etwas mehr als einem Jahr (hier) dazu grundlegend gesagt haben (man möge mir verzeihen, dass ich alte Stücke zitiere, aber ich kann es nicht mehr neu schreiben, meine Finger werden steif, sobald ich „Kapitaldeckung“ in die Tasten gebe:

„Den jüngsten Beweis für fundamentales Unwissen lieferte Angela Merkel, die beim Festakt zum 125jährigen Bestehen der gesetzlichen Rentenversicherung sagte, in den 50er Jahren hätte man das Umlageverfahren gebraucht, weil es ja keinen Kapitalstock gab, aus dem man die Rente habe bezahlen können, für ein Land mit demographischen Problemen brauche man aber Kapitaldeckung.

Das ist ein „geniales“ Argument und zeigt, wie hanebüchen schlecht die deutsche Bundeskanzlerin in ökonomischen Fragen informiert und beraten wird. Nehmen wir einmal an, in den fünfziger Jahren hätte es Ansprüche aus einem Kapitaldeckungsverfahren aus den Jahrzehnten vorher gegeben. Was hätten die Arbeitnehmer und die Politik dann gemacht? Nun, sie hätten entscheiden müssen, ob sie die Ansprüche anerkennen und bedienen und folglich die Rente zahlen, oder ob sie die Rentner betteln und hungern lassen.

Hätten sie die Rentner gemäß der angehäuften Ansprüche bezahlt (auch wenn es kein physisches Kapital mehr gab, das diesen Ansprüchen entsprochen hätte), wäre es genauso gewesen wie beim Umlageverfahren: Die Arbeitenden hätten die Rente für die Rentner gezahlt. Genau so war es beim Untergang der DDR. Hätten die DDR Bürger Papiere besessen, auf denen ihnen eine Kapitaldeckung versprochen wird, hätte die westdeutsche Gesellschaft genauso wie ohne solche Papiere entscheiden müssen, ob sie den Rentnern, deren Kapitalstock weitgehend verschwunden war, eine vernünftige Rente zahlt oder nicht.

Nun kommt die demographische Entwicklung mit zunehmender Alterung der Gesellschaft und mit ihr – nach Angela Merkel sinnvollerweise – das Kapitaldeckungsverfahren. Aber auch in einer alternden Gesellschaft nützen in dreißig Jahren die Papiere nichts, die diejenigen in den Händen halten, die dann aus dem Arbeitsprozess ausscheiden. Wieder müssen die dann Arbeitenden entscheiden, ob sie wirklich die Zinsen bedienen, die auf den Papieren versprochen sind, oder ob sie die Rentner betteln und hungern lassen. Gäbe es nur ein Umlageverfahren bis dahin, wäre es wieder genauso: Die dann Arbeitenden zahlen die Rente, und wenn sie sie nicht zahlen, dann zahlt sie niemand.

„Zahlen“ heißt nämlich einfach „Güter erwirtschaften und den Anspruch an sie teilweise abtreten“. Wie die Ansprüche der Alten „verbrieft“ sind, nämlich in einem Umlageverfahren über die Zusage, dass die Jungen die Rentenansprüche der Alten bedienen, oder in einem Kapitaldeckungsverfahren über die Zusage, dass die Jungen Zins und Tilgung für die Wertpapiere der Alten bedienen, spielt für die Gültigkeit der Ansprüche keine große Rolle. Vielleicht sind die Störenfriede beider Systeme (also die Leute, die die Verteilungsergebnisse beider Systeme beeinflussen) in unterschiedlichen Lagern zu suchen: In die „Rendite“ des Umlageverfahrens und deren Verteilung wird gern von Politikern eingegriffen, die Rendite des Kapitaldeckungsverfahrens und deren Verteilung ist stärker den Finanzmarktakteuren ausgeliefert und der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung. Aber im Durchschnitt sind beide Systeme von demographischen Verschiebungen gleich betroffen, wie sie auch unter den Zerstörungen des Kapitalstocks (durch Krieg oder Naturkatastrophen) in gleicher Weise leiden. Aus einem nur noch kümmerlich vorhandenen Kapitalstock – das hätte gerade Angela Merkel wissen müssen – können auch in einem Umlageverfahren die Jungen die Alten nur minimal versorgen, weil sie selbst ja kaum noch etwas haben und erst wieder neu aufbauen müssen, was zerstört war. Nur ein großer Bruder kann da helfen.

Das heißt, die Papiere, die heute im sogenannten Kapitaldeckungsverfahren ausgestellt werden, garantieren nicht, dass es in dreißig Jahren einen physisch großen und wirtschaftlich effizienten Kapitalstock gibt. Gibt es ihn – aus welchen Gründen auch immer – nicht, gibt es auch keine Zinsen. Dann muss man die Rentner betteln und hungern lassen oder entscheiden, dass man ihnen eine Rente zahlt, obwohl sie niemals etwas (oder viel zu wenig) in die öffentliche Rentenkasse eingezahlt haben.

Allerdings, und das ist der fast immer übersehene kritische Punkt, verschlechtert ein Kapitaldeckungsverfahren die Aussichten, in Zukunft einen großen und effizienten Kapitalstock zu haben. Weil mehr heutiges Sparen (im Sinne einer größeren Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben der privaten Haushalte) das Investieren behindert (wir haben das hier und an den dort verlinkten Stellen erklärt), führt eine Kapitaldeckung genau dann, wenn sie im Sinne ihrer Erfinder funktioniert (was bei der Riester-Rente nicht gilt, weil die Sparquote der privaten Haushalte nicht gestiegen ist), zu geringeren Investitionen und damit zu einem geringeren Kapitalstock in der Zukunft.

Dieses Phänomen sehen wir ja gerade. Zu dem Zeitpunkt, als in Deutschland und anderen Ländern Kapitaldeckung eingeführt wurde, glaubte jeder (vor allem jeder Bank- und Versicherungsberater), die Zinsen auf private und öffentliche Anlagen würden dauerhaft weit über der (impliziten) Verzinsung des Umlageverfahrens liegen. Jetzt nähern sie sich Null und wenn sie – wie in Japan – noch zwanzig Jahre Null bleiben, dann gibt es keine Rendite auf angelegtes Geld, und ob man die absolute Summe des angelegten Geldes zurückerhält, ist obendrein eine ganz offene Frage. Denn wenn viele dann versuchen, ihre Papiere zugleich loszuschlagen, kann schnell ein Großteil des ursprünglichen Wertes verloren sein. Wieder müssen die Kinder von heute entscheiden, ob sie – unabhängig von irgendeinem Rentenverfahren – den Alten etwas von ihrem Einkommen abgeben oder nicht.

Die Frage, auf die es wirklich ankommt, ist die, ob unsere Kinder in der Lage sind, ohne zu großen eigenen Verzicht, unsere Rentenansprüche zu bedienen. Das aber hängt unter anderem davon ab, wie sich unsere heutigen Versuche, ein Rentensystem aufzubauen, auf die Fähigkeit der Volkswirtschaft niederschlagen, einen hohen physischen und effizienten Kapitalstock aufzubauen.

Das auch heute noch eine Bundeskanzlerin mit Argumenten von vorgestern die Bürger verwirrt, ist mehr als ärgerlich, es ist Ausweis der Unfähigkeit der uns Regierenden, sich so weit zu bilden, dass sie ihrer – zugegebener Weise komplexen – Aufgabe wirklich nachkommen können.

Was Norbert Blüm vor vielen Jahren sagte, gilt auch heute unverändert, auch wenn manche sogenannten Journalisten nicht aufhören können, den Mann in ihrer Dummheit damit zu beleidigen. Die umlagefinanzierte Rente ist sicher. Sie ist so sicher, wie irgendetwas sicher sein kann in einer unsicheren Welt. Solange jedenfalls unsere Kinder in der Lage und bereit sind, die Arbeit, die ihre Eltern erbracht haben, zu honorieren, genauso lange ist die Rente sicher. Genauso hat Norbert Blüm das auch jetzt wieder gesagt, und nur die machen sich lächerlich, die ihn dafür schmähen.

Allerdings lässt sich selbst Norbert Blüm vom Namen der Systeme blenden. In einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung sagte er: „Ich bevorzuge die Anbindung der sozialen Sicherheit an die Arbeit und nicht ans Kapital. Die Arbeit muss die höchste Wertschätzung in einer Gesellschaft haben und nicht das Kapital.“ Auch das ist nicht der richtige Zungenschlag, weil alle Systeme unverbrüchlich an Arbeit gebunden sind. Die Menge des vorhandenen Kapitals (nämlich des Kapitalstocks) entscheidet über die Produktivität der Arbeitenden und damit über deren Fähigkeit, reale Güter und damit reales Einkommen zu erwirtschaften, aus dem die Renten mit einem mehr oder weniger großen Anteil dieses Einkommens bezahlt werden können. Auch die Entlohnung des Kapitals kommt von nichts anderem als der Arbeit bzw. der Kombination der vorhandenen Arbeit mit dem vorhandenen Kapital.

P.S.: Wenn ich hier immer von „verstehen“ rede statt, wie manch einer sagen würde, von „verstehen wollen“, dann tue ich das ganz bewusst. Bei kaum einer anderen Frage ist es so klar wie hier, dass es an mangelndem Verständnis liegt, wenn sich einfache Wirtschaftsinteressen wie bei der Riester-Rente ohne großen politischen Widerstand durchsetzen lassen. Auf beiden Seiten der Debatte werden die jeweils verteidigten Systeme nur rudimentär verstanden. Die Kapitaldeckungsanhänger argumentieren ohne groß nachzudenken mit dem geistigen Rüstzeug der schwäbischen Hausfrau und haben damit von vorneherein die Mehrheit der Bürger auf ihrer Seite. Die meisten Verteidiger des Umlagesystems aber haben sich auf alle möglichen Argumente gestützt, aber fast nie auf die einfache und klare Aussage, die da heißt: Die Volkswirtschaft kann nicht sparen!“

 

 

 

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