Dankbarkeit, nicht Eigennutz ist der Kitt der Gesellschaft

Die meisten heutigen Ökonomen und Wirtschaftspolitiker glauben, dass der Eigennutz und der Tausch über den Markt der Motor unserer Wirtschaft und gleichzeitig das Fundament der Gesellschaft sei. Das ist leider ein grober Irrtum.

Die Überlieferung will es, dass der schottische Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith (1723 bis 1790) als erster klar formuliert hat, dass der Eigennutz und das Streben nach Gewinn die Triebfeder des Fortschritts ist: „Es ist nicht die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten“, schrieb Adam Smith im ersten Buch seiner Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Aus demselben Buch stammt der geflügelte Begriff der „unsichtbaren Hand“, die Eigennutz in Wohlstand für alle verwandelt.

Im vergangenen Vierteljahrtausend hat die Ökonomie nicht viel anderes gemacht, als diese „Erkenntnis“ zu verfeinern, zu verkomplizieren, mathematisch auszudrücken, zu „beweisen“ und im besten Fall sogar ein wenig zu relativieren. Typische Fragestellung: Was verändert sich, wenn der Markt doch nicht ganz so perfekt ist, wie es im Lehrbuch steht? Wenn zum Beispiel nicht sämtliche Marktteilnehmer alles über die Präferenzen aller anderen wissen? Und weil man über solche Details endlos streiten kann, sind Ökonomen gar nicht auf die Idee gekommen, ihre Grundannahmen mit der Realität zu vergleichen. (Die es doch getan haben, sind Außenseiter geblieben).

Wie wenig das Tauschprinzip als alleinige Grundlage der Wirtschaft, geschweige denn der Gesellschaft, taugt, zeigt unter anderem ein Blick auf die Einkommensverteilung in Deutschland. Gemäß dem Jahresgutachten 2011/12 des Sachverständigenrates entfielen auf die ärmere Hälfte der Haushalte gerade mal 16,3 Prozent aller Markteinkommen. Das sind die Einkommen, die nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit, des quid pro quo, zugeteilt wurden. Das reichste Zehntel der Haushalte kassierte hingegen fast ein Drittel (31,7%) aller Markteinkommen. Ohne massive Umverteilung durch den Staat würde eine solche Wirtschaft mangels Nachfrage in einer tiefen Depression versinken. Große Teile der Bevölkerung würden verhungern.

Das reine Marktprinzip eignet sich ohnehin nur für eine sehr beschränkte Kategorie von Gütern und Dienstleistungen, nämlich solchen, die erstens individuell konsumiert und die zweitens aus dem laufenden Einkommen oder durch individuelle Kredite finanziert werden können. Nicht in diese Kategorie fallen etwa sämtliche größeren Gesundheitsausgaben inkl. Pflege im Alter. Müsste jeder Haushalt selbst für diese Eventualitäten vorsorgen, bliebe für den täglichen Konsum nur noch das allernötigste übrig. Auch Ausgaben für Bildung und Weiterbildung können sinnvollerweise nur kollektiv finanziert werden. Keine Bank der Welt finanziert einem Langzeitarbeitslosen die Umschulung auf einen neuen Beruf. Die eigentlichen öffentlichen Güter wie Sicherheit, Justiz, Umweltschutz, Verkehrsinfrastruktur, öffentliche Parks usw. können erst recht nicht über den Markt bereitgestellt werden. Das Prinzip der Gegenseitigkeit bzw. des Markttausches hat also sein sehr beschränktes Repertoire, dessen relative Bedeutung (Anteil am BIP) zudem ständig sinkt.

Doch wenn es nicht die gegenseitige Vorteilnahme ist, was hält unsere Wirtschaft und Gesellschaft dann zusammen? Die Antwort steckt in dem zitierten Satz von Adam Smith – den man auch als Tischgebet lesen kann. Smith setzt sich nicht einfach achtlos an die reich gedeckte Tafel, sondern er denkt darüber nach, wem er sein Abendessen verdankt – nämlich der Tätigkeit des Metzgers, des Bäckers und des Brauers. Den Bauern, den Müller, den Fuhrhalter und die Verkäuferin nennt er nicht namentlich. Drei Beispiele sollten genügen, um den Leser das Prinzip klar zu machen: Unser Wohlergehen hängt von den andern ab – auch wenn sie uns nicht persönlich meinen.

Und dann ist da noch die „unsichtbare Hand“, die nicht nur das Zusammenspiel als dieser spezialisierten Berufsleute orchestriert, sondern etwa dafür sorgt, dass der Weizen blüht und, dass Smiths Magen genau den pH-Wert von rund 1.5 erreicht, der zur sauberen Verdauung der Eiweiße nötig ist. (Erst Smiths Nachfolger haben die „Unsichtbare Hand“ zu der des Marktes verkümmern lässt. Der Meister selbst gebraucht den Begriff in einem umfassenderen Sinn.)

Der Begriff der Dankbarkeit (Gratitude, Thankfulness) kommt zwar in der oben zitierten Passage nicht ausdrücklich vor, klingt aber an. Deutlicher wird Smith im folgenden Zitat aus der Theorie der ethischen Gefühle:   „Für wie selbstsüchtig man den Menschen auch halten mag, es gibt nachweislich einige Grundlagen seines Wesens, die dazu führen, dass er sich für das Schicksal anderer interessiert, deren Glück ihm notwendig erscheint, obwohl er nichts davon hat außer dem Vergnügen, es zu sehen.“

Aus rein ökonomischer Sicht stellt sich nun die Frage, welches der beiden Motive den stärkeren Leistungsanreiz bietet: Das Bestreben, einen pekuniären Vorteil zu erlangen, oder das Vergnügen, das Glück der anderen zu sehen. Smith konnte darüber bloß philosophieren und Selbstbeobachtung ins Feld führen. Heute können wir die Antwort dank der experimentellen Ökonomie und der auf Umfragen beruhenden Ökonomie des Glücks sogar beziffern. Zumindest annäherungsweise.

Einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Dankbarkeit ist Robert A. Emmons. In seinem Buch „Gratitude Works!“ schreibt er: „Dankbarkeit ist die wichtigste Eigenschaft, die für geistige Gesundheit und Zufriedenheit und Lebenserfolg entscheidet, wichtiger als Optimismus, Intelligenz oder Mitgefühl.“ Und weiter: „Leute, die ein Dankbarkeitstagebuch führen, sind 25% glücklicher, schlafen eine halbe Stunde länger, haben einen um bis zu 10 Punkte tieferen unteren Blutdruck und bewegen sich pro Woche 33% mehr als solche, die kein Dankbarkeitstagebuch führen.“ Zum Vergleich: Studien, welche das Lebensglück in Beziehung zum Einkommen setzen, zeigen, dass selbst eine Verdreifachung der Einkommens keine vergleichbare Steigerung des Glücksgefühls bewirken.

Alles, was man aus Dankbarkeit tut, hat somit einen hohen intrinsischen Wert, oder einen hohen prozeduralen Nutzen: Die Freude an der Tätigkeit an sich kann leicht viel grösser sein als die Freude am fertigen Produkt, geschweige denn am Geld, das man dafür erlöst. Dankbarkeit wirft deshalb eine doppelte Dividende ab – eine mehr als das Kalkül der Gegenseitigkeit. Das schließt allerdings nicht aus, dass pekuniäre Vorteile dennoch einen stärkeren Leistungsanreiz bewirken können. Dies deshalb, weil finanzielle Vorteile beziffert werden können und deshalb vom ökonomisch geschulten und verblendeten Auge besser gesehen werden können. Um die Früchte der Dankbarkeit zu genießen, muss man erst einmal auf den Geschmack kommen und das verlangt ein gewisses Maß an Übung.

Dankbarkeit und Gegenseitigkeit schließen sich natürlich nicht aus. Beide können dazu beitragen, den allgemeinen Nutzen zu fördern. Aber man sollte die Proportionen wahren und die Dankbarkeit ehren. Der Nutzen des Marktes wird allgemein weit überschätzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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