Bontrup-Erwiderung, die dritte: Kann Arbeitszeitverkürzung die Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit erhöhen?

In unserer Kontroverse mit Heinz-Josef Bontrup zum Thema Arbeitszeitverkürzung (AZV) als Mittel zur Verringerung von Arbeitslosigkeit haben wir den Vorwurf erhoben, die Argumentation der Befürworter von Arbeitszeitverkürzung spiele den neoklassisch bzw. neoliberal argumentierenden Ökonomen in die Hände. Dies wollen wir heute sorgfältig begründen. Vorweg wollen wir betonen, dass es uns keinesfalls um einen persönlichen Angriff gegen Professor Bontrup geht oder darum, seine Verdienste in Sachen Konjunkturforschung oder gar sein Engagement (wie das vieler seiner Mitstreiter und anderer AZV-Befürworter) für eine Verbesserung der Situation der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten klein zu reden. Unsere Lageanalysen decken sich ja in vielerlei Hinsicht. Es geht hier ausschließlich darum, eine tragfähige Position in Sachen Tarifpolitik zu entwickeln, die erfolgversprechend in Hinblick auf den Abbau von Arbeitslosigkeit ist, und alternative Vorschläge auf ihre Tragfähigkeit hin zu untersuchen.

Sowohl in dem Interview, das er dem Freitag gegeben hat, als auch in seiner folgenden Replik auf unsere Kommentierung betont Heinz-Josef Bontrup, dass es ihm um die Verknappung des Arbeitsangebots gehe: „Jeder drittklassige Unternehmer weiß: Wenn er seine Produkte nicht mehr in den Markt bringt, dann muss er seine Produkte verknappen. Das gilt ebenso für die Ware Arbeitskraft. Die Gewerkschaftsspitzen sollten deshalb nicht länger dieses triviale ökonomische Gesetz ignorieren, dass sie bei einem Überschussangebot eine dezidierte Verknappungsstrategie betreiben müssen.“

Dieser Gedankengang beruht auf dem bekannten mikroökonomischen Marktmodell (vgl. Abbildung 1), das wir kurz auf den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt übertragen wollen. Auf der waagrechten Achse wird das gesamte Arbeitsvolumen, also die Anzahl Arbeitsstunden aller Beschäftigten in einer Volkswirtschaft, abgebildet. Auf der senkrechten Achse ist der durchschnittliche Stundenlohn abzulesen. Die Angebots- und die Nachfragekurve ergeben sich aus folgenden zwei Überlegungen: Erstens: Je teurer eine Arbeitsstunde ist, desto weniger Arbeitsstunden werden von Seiten der Unternehmer nachgefragt. Die Nachfragekurve (N) fällt also von links oben nach rechts unten. Zweitens: Je mehr man pro Stunde verdienen kann, desto mehr Arbeitsstunden werden von den Arbeitskräften angeboten. Die Angebotskurve (A) steigt also von links unten nach rechts oben.

Die Steigung beider Kurven (d.h. wie flach oder steil sie verlaufen) hängt damit zusammen, wie preisempfindlich Angebot bzw. Nachfrage sind. Diese Feinheiten spielen aber für den hier vorzuführenden Gedanken keine Rolle. Ebenso interessieren die Randbereiche, in denen die Kurven eine besondere Form annehmen (z.B. waagrecht oder senkrecht verlaufen können), hier nicht.

Abbildung 1: Der gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt als mikroökonomisches Marktmodell

2014_10_08 Abb 1

Wenn Arbeitslosigkeit herrscht (in Abbildung 1 ist das die rot markierte Linie), stellt das ein Überschussangebot an Arbeitsstunden dar: Nicht alle angebotenen Arbeitsstunden werden zu dem herrschenden durchschnittlichen Lohn (l1 in Abbildung 1) von Seiten der Unternehmen nachgefragt.

Die Verknappungsidee, von der Heinz-Josef Bontrup ausgeht und die er selbst als völlig parallel zu der einzelwirtschaftlichen Sichtweise eines Unternehmers einordnet (vgl. das obige Zitat), kann man nun grafisch darstellen als Verschiebung der Angebotskurve (A1) nach links (A2) (vgl. Abbildung 2). Diese Verschiebung kann dadurch erreicht werden, dass die Arbeitskräfte pro Kopf weniger Arbeitsstunden anbieten – das entspricht der Idee der AZV. Findet genügend AZV statt, d.h. wandert die Kurve nur weit genug nach links, verschwindet das Überschussangebot irgendwann vollständig – die Arbeitslosigkeit ist überwunden. Dann führt eine weitere Verknappung des Arbeitsangebots durch AZV (A3) sogar zu steigenden Löhnen (l3 > l1).

Abbildung 2: Der gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt im mikroökonomischen Modell bei Arbeitszeitverkürzung

2014_10_08 Abb 2

Heinz-Josef Bontrup hat diesen Fall vor Augen, wenn er schreibt: “Deshalb kann man nur fordern, liebe Gewerkschaftsspitzen, setzt endlich auf Arbeitszeitverkürzung. … Die Gewerkschafter müssen sich einfach mal trauen, zu sagen: Ihr lieben Mitglieder denkt fürchterlich kurz. Wir müssen zuerst eure Arbeitszeit verkürzen. Dann kriegen wir auch eure Löhne wieder nach oben.“

Interessant ist nun folgendes: Neoklassisch argumentierende Ökonomen beziehen sich auf das gleiche Modell. Sie empfehlen, bei Arbeitslosigkeit den Stundenlohn so lange zu senken, bis ein Gleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage erreicht ist. Sollte bei dieser Aktion der Lohn (bzw. der entsprechende Lohn in der untersten Lohngruppe; hier wird ja nur der gesamtwirtschaftliche Durchschnittslohn quasi stellvertretend genannt) niedriger als das Existenzminimum liegen, müsste, so die Lohnsenkungsbefürworter, der Staat einspringen und das Arbeitseinkommen durch staatliche Transfers aufstocken.

Beide Überlegungen, die mit AZV wie die mit Lohnsenkung, kann man nun dadurch „anreichern“, dass man nicht absolute Lohnhöhen darstellt, sondern sich auf Zuwachsraten verlegt oder auch die Arbeitsnachfragekurve (N) dynamisch interpretiert – nämlich jeweils unter Berücksichtigung des Produktivitätsfortschritts. Am grundlegenden Gehalt der dahinter stehenden Ideen ändert sich dadurch aber nichts, es wird nur etwas unübersichtlicher.

Unserer Ansicht nach beinhalten beide Überlegungen, AZV wie Lohnsenkung als Mittel gegen Arbeitslosigkeit, denselben zentralen Fehler und sind beide Strategien deshalb zur Erfolglosigkeit verurteilt. Und zwar liegt der Fehler in dem gewählten Modell selbst. Es ist und bleibt ein mikroökonomisches Modell. In ihm wird automatisch davon ausgegangen, dass es so etwas wie eine Angebots- und eine Nachfragekurve gibt. Das ist auf einem mikroökonomischen Markt auch einleuchtend, denn auf einem solchen Markt sind Angebot und Nachfrage in aller Regel unabhängig voneinander. Auf einem gesamtwirtschaftlichen Markt hingegen gilt diese Annahme grundsätzlich nie. Denn hier ergibt sich aus der Veränderung der einen Marktseite (also z.B. des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsangebots) über die Wirkungen, die das auf die anderen gesamtwirtschaftlichen Märkte (z.B. den Gütermarkt) hat, immer ein Rückkoppelungseffekt auf die jeweils andere Marktseite (also die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage des fälschlicherweise isoliert betrachteten Arbeitsmarktes).

Bildlich gesprochen: Die Bewegung von einem auf dem Markt realisierten Punkt (eine bestimmte Kombination von Lohn und Beschäftigung) zu einem anderen Punkt führt automatisch dazu, dass sich gleichzeitig die Lage der Angebots- und der Nachfragekurve verändert. Erdachte Kurven aber, deren Lage sich verschiebt, sobald die Variablen, deren Zusammenhang sie darstellen sollen, verändert werden, haben keinen Sinn oder sind jedenfalls für wirtschaftspolitische Analysen und Empfehlungen nicht zu gebrauchen: Sie existieren einfach nicht, weil es keinen stabilen Zusammenhang gibt. Selbst wenn man die Arbeitskräfte befragte, wieviel zu arbeiten sie bereit wären bei verschiedenen Lohnhöhen, und aus den Antworten eine Arbeitsangebotskurve konstruierte und man die Unternehmer befragte, wieviel Arbeitskräfte sie bei der und der Lohnhöhe beschäftigen wollten, um daraus eine Arbeitsnachfragekurve zu ermitteln, bekäme man ein wertloses Bild.

Sobald von der gerade tatsächlich in der Volkswirtschaft herrschenden Kombination von durchschnittlicher Lohnhöhe und gesamter Beschäftigungsmenge abgewichen wird, indem entweder die Beschäftigungsmenge oder der Lohn verändert wird, hat das Einfluss auf die Gesamtnachfrage nach Gütern, die ihrerseits die Gesamtnachfrage nach Arbeitsstunden beeinflusst. Man kann sich das in Anlehnung an Abbildung 2 so vorstellen: Während A1 Richtung A2 verschoben wird, wandert N ebenfalls nach links, weil sich die Arbeitsnachfrage reduziert.

Das heißt aber nichts anderes, als dass die Knappheit des Faktors Arbeit nicht zugenommen haben muss, obwohl sein absolutes Angebot rückläufig war. Knappheit ist eben ein relatives Konzept und kein absolutes. Knapp ist nur, was entweder im Verhältnis zur Nachfrage wenig angeboten oder was im Verhältnis zum Angebot stark nachgefragt wird. Hat die Reduktion der Menge des Angebots gleichzeitig (ungewollt) einen reduzierenden Effekt auf die Menge der Nachfrage, ist das Ergebnis des Angebotsrückgangs in Sachen Knappheit bestenfalls offen, aber keinesfalls garantiert in die von den Angebotsreduzierern gewünschte Richtung.

Neben dieser theoretischen Schwäche des AZV-Ansatzes ist es unserer Ansicht nach auch politisch besonders heikel, dass sich die AZV-Befürworter auf das gleiche Modell beziehen wie die Lohnsenkungs-Befürworter. Denn wenn man den Lohnsenkungsbefürwortern vorwirft, sie berücksichtigten in ihrer Herleitung der positiven Wirkung einer Lohnsenkung auf die Beschäftigung den Einkommenseffekt und damit die Rückkoppelung auf die Arbeitsnachfrage von Seiten der Unternehmen nicht, antworten die regelmäßig, das sei kein Problem. Denn die sinkende Lohnsumme der bereits Beschäftigten würde durch das steigende Arbeitseinkommen der neu Eingestellten immer sofort ausgeglichen oder sogar überkompensiert. So argumentiert der Neoklassiker, weil er von einer stabilen Arbeitsnachfragekurve ausgeht. Was soll ein AZV-Befürworter dem entgegenhalten, der seinerseits behauptet, eine Verringerung des Arbeitsangebots liefe dank vollen Personalausgleichs auf ein konstantes Arbeitsvolumen hinaus? Denn auch diese Argumentation stützt sich letzten Endes auf eine stabile Arbeitsnachfragekurve.

Wie stattdessen unserer Ansicht nach die Lohnpolitik auf die Abläufe in der Gesamtwirtschaft wirkt, dazu demnächst mehr.

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