2014 – Nicht anders als vor einhundert Jahren ist die Unfähigkeit zum Dialog das prägende Zeichen unserer Zeit

1914 markierte in vieler Hinsicht eine Zeitenwende. Der erste Krieg mit einer globalen Dimension brach aus. Neue Kriegstechnologien töteten viele Millionen von Menschen und richteten Verwüstungen in einer Größenordnung an, die alles bisher Gesehene verblassen ließ. Schlimmer aber noch war, dass die Politik selbst nach dem Schock dieses Krieges nicht fähig war, den Ersten Weltkrieg mit einer Friedensordnung zu beenden, die den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Folgen hätte verhindern können.

Das immerhin gelang nach dem zweiten noch größeren Töten und Morden. Es wurde in der westlichen Welt eine Friedensordnung geschaffen, die dafür sorgte, dass sehr viele Menschen sich rasch aus den Ruinen des Krieges empor arbeiten und ihre materielle Situation durchgreifend verbessern konnten. Noch wichtiger: bei der Mehrheit der Bürger in den westlichen Ländern setzte sich die Überzeugung durch, dass es eine soziale und wirtschaftliche Ordnung geben kann, die jedem eine Hoffnung und eine faire Chance zum Aufstieg gibt, den meisten Menschen ein Leben ohne materielle Not ermöglicht und auch diejenigen nicht vernachlässigt, die, aus welchen Gründen auch immer, es nicht schaffen, für sich selbst ein Minimum an Wohlstand zu erarbeiten.

Heute, zu Beginn des Jahres 2014, ist von dieser Hoffnung nicht mehr viel geblieben. Das Ende der globalen Nachkriegsordnung Anfang der siebziger Jahre markierte auch den Beginn eines neuen Individualismus, der sowohl auf der Ebene der Staaten als auch auf der zwischenmenschlichen Ebene den Wettbewerb und Wettkampf um fast jeden Preis predigt. „Wettbewerbsfähigkeit“ ist die Peitsche, mit der ein Staat den anderen und ein Mensch den anderen zur Leistung antreibt, mit deren Einsatz man versucht, immer noch mehr aus den vorhandenen Ressourcen herauszuholen und mit deren Androhung man allen anderen klarmacht, dass Wohlstand nur dem ermöglicht wird, der sich dem System von vorneherein fügt.

Nach der Jahrtausendwende hätte es Anlass genug gegeben, dieser Ideologie und ihren Apologeten das Ruder zu entreißen. Schwere globale Erschütterungen durch Finanzkrisen stellten das herrschende Dogma von der Selbstregulierung der Märkte fundamental in Frage. Vor allem aber die offenkundige Unfähigkeit, einen erneuten dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, obwohl die neoliberale Agenda bis dahin schon für zwanzig Jahre Umverteilung von unten nach oben gesorgt hatte, hätte kritische Wissenschaftler, Bürger und Medien auf den Plan rufen müssen. Doch kaum etwas geschah. Im Gegenteil, das herrschende Dogma wurde noch fester gezurrt. „Wettbewerbsfähigkeit“ wurde vor allem in Europa zur alles beherrschenden Doktrin, und die Macht der Finanzmärkte wurde nur kosmetisch behandelt. Sehenden Auges und voller Euphorie rennt fast die gesamte Welt in eine neue Finanzmarktblase, und die Politik in Europa verweigert sich strikt der einfachen Erkenntnis, dass Wettkampf der Nationen und Schuldenbegrenzung keine durchhaltbaren Konzepte sind, weil sie systembedingte Notwendigkeiten ausblenden und gegen logische Zusammenhänge verstoßen.

Doch die Politik in vielen Ländern ist unfähig (oder unwillig) geworden, die entscheidenden Fragen auf den Tisch zu legen und offen zu diskutieren. Unfähigkeit zum Dialog ist das herausragende Kennzeichen unserer Zeit. Machtpositionen sind wichtiger geworden als gute Argumente. Und eine Parallele zu 1914 ist für Menschen mit offenen Augen nicht mehr zu übersehen: Die vermeintlich nationale Lösung verdrängt mehr und mehr den Gedanken der internationalen Zusammenarbeit, und das gilt bedauerlicherweise auch für Europa, wo die Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg ihre größten Früchte hervorgebracht hatte. Da es in Wirklichkeit jedoch keine nationalen Lösungen in einer globalisierten und europäisierten Wirtschaft gibt, weil nicht alle wettbewerbsfähiger werden können, muss der Versuch, sie ohne ernsthaften Dialog mit wirtschaftlicher Macht durchzusetzen, scheitern. Aber selbst offenkundiges Scheitern der nationalen Doktrin, wie man es in Südeuropa beobachten kann, gebiert immer neuen und immer radikaleren Nationalismus, weil der – und sogar zu Recht – die Schuld des Scheiterns auf die anderen, die Mächtigen, schieben kann, die nicht kooperieren wollen.

Deutschland spielt mit seiner durch die Finanzkrise gewonnenen Gläubigermacht eine wichtige, aber unrühmliche Rolle in diesem Drama, weil es mehr als alle anderen von der globalen Entwicklung profitieren will, ohne eigene Verpflichtungen, die sich daraus notwendigerweise ergeben, anzuerkennen. Und die Unfähigkeit zum Dialog ist in diesem Land ganz besonders ausgeprägt. Das gilt sowohl für den Dialog Deutschlands mit seinen internationalen Partnern als auch für die Diskussion im nationalen Rahmen. In einer vorher lange nicht gesehenen Weise werden von der Wirtschaftswissenschaft über die Medien und die Politik die Reihen fest geschlossen, um der internationalen Kritik am deutschen Modell zu begegnen. Kein Argument, gleich welcher Güte, wird dabei ausgelassen, um zu zeigen, wer wir wieder sind. Leider zeigen wir dabei auch, wie wenig wir bereit sind, rational mit Dingen umzugehen, die vermeintlich nur nationale Interessen berühren, tatsächlich aber die internationale Gemeinschaft als Ganzes angehen. In hundert Jahren wird man sich vielleicht fragen wie es möglich war, dass einem Volk von seinen Medien verordnet wurde, in Jubel über einen Rekord bei seinem Exportvolumen auszubrechen, statt darüber nachzudenken, was dieser Rekord für die Handelspartner bedeutet. Die Dimension des Absurden ist eine andere, aber gleichwohl: Sind wir heute nicht alle schockiert von den Bildern junger Männer, die 1914 jubelnd in den Krieg zogen?

Die eigentliche Gefahr dieser Entwicklung liegt in der Gleichschaltung der öffentlichen Meinung entlang einer nationalen Linie. Die internationale Kritik an den deutschen Außenhandelsüberschüssen hätte in einem offenen Land mit offener Meinungsbildung zu einer breiten und tiefen Diskussion über die Vor- und Nachteile des eigenen Wirtschaftsmodells geführt. Nicht so im Deutschland der ersten Dekaden dieses Jahrhunderts. Durch die Bank wird verteidigt, was unter vernünftigen Menschen nicht zu verteidigen ist. Ein einziges Sich-hineinversetzen in die Situation der anderen führte die eigenen Argumente sofort ad absurdum; aber das wollen wir nicht, wir beharren auf unserer Einzigartigkeit und fordern die anderen gleichzeitig auf, es uns nachzutun, wenn sie denn dazu in der Lage sind. Viele merken es schon gar nicht mehr, wie sie „stark“ und „schwach“ auch als Kategorie auf Deutschland und Frankreich anwenden, wo man, selbst wenn die Kategorien zuträfen, was nicht der Fall ist, eine besondere historische Sensibilität im Umgang mit solchen Begriffen erwarten könnte.

Das alles lässt nicht viel Raum für Hoffnung auf Besserung im neuen Jahr. Der globale Konflikt über ein der internationalen Verflechtung angemessenes Wirtschaftsmodell der Einzelstaaten lässt sich offenbar mit rationalen Mitteln nicht lösen. Da er gelöst werden muss, werden irrationale Varianten wahrscheinlicher. Man mag es Handelskrieg nennen oder Abwertungs- und Lohnsenkungswettlauf, in jedem Fall werden die Kosten enorm sein. Auch hier nicht in einer Dimension, die mit 1914 vergleichbar wäre, aber groß genug, um vielen Menschen den Zugang zu einer sicheren Existenz in Frieden zu verwehren.

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